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Passend zu ihrem Abschied nennen die Onkelz ihr letzes Studioalbum „Adios“.

Für die Öffentlichkeit platzt die Bombe erst am 24.05.2004, als die Band den Titel ihres 16. Studioalbums auf ihrer News-Seite bekannt gibt und auch gleich die nötige Erklärung liefert.

Mit 15 Songs melden sich die Onkelz ein letztes mal zu Wort und sowohl textlich, als auch musikalisch sind die Onkelz auf dem Zenit ihrer Karriere angekommen. Die Band bezeichnet „Adios“ als einen „krönenden Abschluss“ ihrer Karriere, einen letzten Tritt in die Ärsche ihrer Kritiker und einen letzten, rockigen Gruss an ihre Fans. Die Texte sind wie immer streng autobiographisch und von einer Reife, wie sie zuvor nur auf dem „weißen“ und „schwarzen“ Album zu hören war. In Irland geschrieben und in Frankfurt aufgenommen, handeln sie von Wut, Verzweiflung, Sucht und Frustration, was jedem Journalisten, der sich nur oberflächlich damit beschäftigt, ein müdes „schon wieder“ entlockt, die Fans aber reihenweise zum tanzen bringt. Keine Band in Deutschland schafft es, ihre Texte so griffig und treffend zu formulieren und sie dabei noch so hart, druckvoll und glaubwürdig vorzutragen.

Die Songs sind so groovy, wie auf keiner einzigen Onkelz Produktion davor. Schon während der Aufnahmen wird klar, dass die Band noch einmal alles geben will. Trotz oder gerade wegen des drohenden und über alles schwebenden Abschieds. Mit „Feuer“ servieren Weidner und Röhr den Fans ein Brett, direkt am Anfang. Der Opener wird zu einer Reminiszenz an die rockigen Biester von AC/DC und KISS. Hart treibender Stadion Rock, mit eingängigem Refrain. „FEUER – WIR BRINGEN EUCH FEUER – UND FÄKALIENSPRACHE – DIE ONKELZ KOMMEN – BITTE WEITERSAGEN!

„Sowas hat man“. Ein echter, lupenreiner Killer. Das Ding ist so autobiografisch, setzt so punktgenau eine Retrospektive über zum damaligen Zeitpunkt 24 Jahre Onkelz und über 40 Jahre Weidner, Röhr, Russell, Schorowsky, dass es den Fans schon bei der Nummer die Tränen in die Augen treibt. „Ein Problemkind; früh aus dem Nest gerissen – beisst in die Hand, die es nährt, ich muss es wissen..“ und „KOMPLIZIERT – quer über die Stirn tätowiert„.

In „Einmal“ beschäftigt sich Weidner thematisch mit dem Thema des Todes. Irgendwann, so wird ihm damals klar, muss man mit sich und seiner Umwelt ins Reine kommen. Ehrlichkeit bis zum letzten Atemzug. Wenn man beginnt zu begreifen, dass man sterben wird, ist die Jugend vorbei.

„HASS-TLER“. Einen letzten Denkzettel wollen sie der Sorte Mensch verpassen, die die Band seit so vielen Jahren nervt. Die sie ankotzt. Rechte Skinheads, Scheitelträger, Faschos aus allen Ecken des Landes. Zuviel Luft im Kopf, zuwenig Selbstwertgefühl. „Den Kopf voll Testosteron, ein einsames Herz – die Jeans voll Hämorriden, die Lungen voll Teer. Wenn das Hirn versagt, eskaliert die Gewalt. Pubertäres Gepose, der Schwächere zahlt. Hast nicht viele Freunde und willst die nicht verliern, willst die Geschichte wiederholen, willst wieder marschiern…

In dem starken Song „Überstimuliert“ wird ein wichtiges Statement gegen die Kapitalisierung der Welt und gegen die Marke „Mensch“ besungen – auch wenn Worte wie „Kommerz hat gesiegt – Kauft und seid lieb!“ fortan auch viele Onkelz-Fans gegen ihre eigene Lieblings-Band adaptieren sollen – immer dann, wenn ihnen etwas nicht passt. „Och, schon wieder eine Nummer Eins in den Charts? Schon wieder neues Merchandise, eine Live CD, eine DVD? Kommerz hat gesiegt…“ Langweilig.

Überraschenderweise findet mit „Prinz Valium“ ein Song den Weg aufs Album, der das Drama um Sänger Kevin Russell auf den Punkt bringt. Schonungslos und offen, selbstrefklek- und therapierend lässt Weidner Kevin Zeilen wie „Drogen sind mein Leben, vergiften Herz und Seele. Krankes Kind, krankes Kind – die Hölle ist da, wo ich bin. Es frisst mich auf, mir bleibt nicht viel Zeit. Es frisst mich auf, frisst mich auf – bei lebendigem Leib!“ singen. „Prinz Valium“ ist ein offenes Geständnis eines kranken Mannes, dessen Sucht ihn tief im Griff der Geißel hat. Ein verstecktes Geständnis an die Fans, die teilweise ahnen, wer mit dem Song gemeint sein könnte. Und „Prinz Valium“ wird zwischen den Zeilen platziert. Als drittletztes Lied, direkt vor dem Abschiedssong „Ihr hättet es wissen müssen“. Die Gründe für die Bandauflösung – sie liegen offen- und dennoch versteckt vor hunderttausenden Augen der Fans.

Als das Album am 26. Juli erscheint, steht es eine Woche später, als Neueinsteiger auf der 1 der Media Control Charts Top 100 Longplay und hält sich dort 3 Wochen lang. Das Album erreicht schließlich Platin-Status und erhält Höchstnoten in den einschlägigen Fachmagazinen.

Wie auch schon auf der Single, zeichnet der kubanische Künstler Pozo für das Artwork verantwortlich. Zusammen mit den Onkelz-Haus-und-Hof-Graphikern der „Gestalten“ Agentur in Berlin entwirft er die Welt, in der er die Songs von „Adios“ sieht. Abbröckelnder, zerfallender, kubanisch inspirierter Charme mit einer zerkratzten, rauhen Patina, schwarze Palmen und flüchtige Momente, Impressionen von Hotels, von Kommen und Gehen. Nicht nur verfügt das Album über einen mittlerweile bei Onkelzproduktionen zum Standard gewordenen, sensationellen 5:1 Sound, sondern auch das „Onkelz vs. Jesus“ Video ist als DVD beigefügt und jeder einzelne Track hat eine auf DVD abrufbare von Pozo umgesetzte, graphische Untermalung erhalten, die gerade für PC-User eine willkommene Abwechslung zum herkömmlichen Booklet darstellt.

Ebenso wie beim Thema der Bandauflösung ist die Presse auch bei der Bewertung des Albums in zwei Lager gespalten. „Die tumbe Promille Punkband meldet sich mit einem erneut ideen-, witz- und geschmacklos zusammendiletierten Longplayer zurück…“ beginnt eine Leserbewertung bei amazon.de, wo die „Adios“ drei Wochen lang als erfolgreichstes Produkt gelistet ist, und mehr verkauft, als sämtliche CDs, DVD´s und Bücher zusammen. „Die Onkelz werden eine Lücke hinterlassen, die wohl nie geschlossen werden kann. Nie zuvor hat es eine Band gegeben, die die deutsche Musikszene und den Handel in einer solchen Form durcheinander gebracht, die so viele unterschiedliche Meinungen provoziert hat und so von ihren Fans verehrt wurde. Was bleibt, sind unendliche Hymnen über das Leben! Respekt und Danke dafür! Hut ab, vor dieser konsequenten Entscheidung!“ schreibt Sebastian Lipski im AMM Magazin nach einem langen Interview mit Stephan Weidner, während die Berliner Zeitung in ihrem Feuilleton mit „Eklige Onkelz“ titelt. „Die Böhsen Onkelz sind nicht nur die ekligste, sondern auch die erfolgreichste deutsche Rockband…“ weiß man in der Hauptstadt, wo traditionell von taz und Berliner Zeitung gegen die Onkelz Front gemacht wird.

In Frankfurt interessiert sich schon längst niemand mehr für die Presse und man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass sich die Alben und die Konzerttickets von alleine verkaufen. Im Gegenteil, man bemustert die Redaktionen nur sehr spärlich mit dem neuen Album und lehnt 90% der Akkreditierungen für die anstehende Tour ab.

Tracklisting Adios:

  • Feuer
  • Immer auf der Suche
  • Superstar
  • Sowas hat man
  • Ja, Ja
  • Lass mich gehn
  • Fang mich
  • Einmal
  • Kinder dieser Zeit
  • Hass-tler
  • Onkelz vs. Jesus
  • Überstimuliert
  • Prinz Valium
  • Ihr hättet es wissen müssen
  • A.D.I.O.Z.

Böhse Onkelz - Adios - Back

Im Video seht ihr ein Studiointerview mit Stephan und Michael Mainx, das im April 2004 gedreht wurde und einen kleinen Einblick in die Produktion von „Adios“ gewährt.