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Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz.“ – Ouroboros, Nietzsches „Ewige Wiederkunft“, die Schlange, die sich selbst beißt. Weißte Bescheid?

Schalten wir direkt auf grün. Auf den Donnerstag, den letzten Tag ohne Onkelz in den Köpfen und Herzen der Fans.

Neun Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Fast 3285 Tage, 78840 Stunden ohne diese Band. Wie habt ihr diese Zeit bloß überstanden? Wie habe ich diese Zeit bloß überstanden, verdammt?

Die Hoppes. Legenden machen Legenden.

Oskar „Ossy“ und Oliver Hoppe. Vater / Sohn – Gespann aus Frankfurt am Main, natürlich. Woher auch sonst? Die beiden Koryphäen, die in die ganze Geschichte involviert waren, einen Stein auf den anderen setzten und sich am Donnerstag, kurz vor dem Soundcheck der Onkelz, selbst nicht sicher waren, hier im richtigen Film Regie zu führen. Ossy besonders. Der Mann hat ja nun schon alles gesehen, und mit so ziemlich jedem wichtigen Menschen, der auf der Welt auf kleinen und großen Bühnen steht, ein Bier getrunken. Doch auch dieses Urgestein des Rock´n`Roll steht einen Tag vor dem Totalabriss vor dieser „Bühne“ und gesteht: „Wir haben hier schon einige Konzerte durchgeführt, AC/DC und die Stones, doch ich muss sagen: So eine Produktion habe ich noch nicht gesehen.“ Recht hat er. Das ganze Team von WIZARD Promotions, dem kleinen Imperium der Hoppes, die ganze Crew und Mannschaft der Onkelz sind nicht beindruckt. Sie sind überwältigt. Ladys and Gentlemen: Sie werden dort nicht weniger als die größte Bühne, die jemals auf europäischem Konzertboden stand, sehen. Da waren im Vorfeld Baupläne, Konzeptzeichnungen, technische Details, Licht und Sounddesigns über die verschiedenen Email-Verteiler und Schreibtische gewandert, und doch wirkte das Monstrum in echt noch so viel krasser als auf Papier. Papier macht keinen Klang, Papier erdrückt dich nicht mit Bässen und Papier erschlägt dich nicht mit einer Wuchtigkeit, die man nur verstehen konnte, wenn man sich die Zeit nahm, dieses Biest in aller Seelenruhe zu betrachten. Für die Zahlenneurotiker ein paar harte Fakten: Über 600 Tonnen Stahl wurden für „ES“ verbaut. Dieser einzigartige Koloss, dieses fast schon organisch wirkende Wesen, bestand fast vollständig aus Sonderbauten und wurde in der Woche vor den Konzerten von über 120 LKWs angeliefert. Die Zeit für den Aufbau war extrem knapp und entwickelte sich zu einem fast übermenschlichen Kraftakt, da er wegen einer Veranstaltung am Wochenende zuvor erst montags beginnen konnte.

Alle Gewerke standen unter Strom, lieferten rund um die Uhr Höchstleistungen ab und arbeiteten wie Besessene, damit die Band pünktlich zur Abenddämmerung am Donnerstag mit dem Soundcheck beginnen konnte. Es sollte klappen. Soviel dazu.

DER SOUNDCHECK:

Die Onkelz betreten die Bühne. Durchatmen. Ein recht ansehnlicher Tross an Freunden, Mitarbeitern und Gästen hat sich vor dieser gewaltigen, stählernen Skyline Frankfurts versammelt und man ahnt bereits bei den ersten Klängen zu „HIER SIND DIE ONKELZ“, dass das Ganze hier fantastisch werden und sich doch surreal anfühlen wird. Gonzo gibt ein schnelles Interview für die DVD Crew, und hat ein andauerndes Lachen im Gesicht. Stephan wirkt zu Beginn etwas angespannt, läuft dann einmal quer über die Bühne, über den „Steg“ zur Rundbühne, guckt sich dieses Teil aus sicherer Entfernung an und dann bricht es aus ihm heraus. Euphorie und noch mal Euphorie. Euphorie hoch zwei, nein, hoch W.

„Alter, verdammte Scheiße, sieh dir dieses Ding an, verdammt.“

Kevin, der neben ihm steht, kann nicht viel sagen. Er ist komplett überwältigt. Von einer routinierten Generalprobe kann keine Rede sein. Da ist nicht nur die Anspannung, einen Tag später von Null auf einhundert-fucking-tausend gehen zu müssen, da ist natürlich auch der komplette Ausrast-Moment, der sich wie Kriechstrom durch die gesamte, noch fast menschenleere Arena zieht und durch jede Pore der Onkelz, der Crew und der Orchesterbesetzung fließt.

Dennoch versucht man, Contenance zu bewahren. Gespräche zu führen. Ben Becker ist vor Ort, der Mann, der das Intro der Onkelz sprechen soll. Nachdem man ein paar Songs durch das Rund feuert, betritt Becker die Rundbühne und beginnt mit seinem Auftritt, der – logischerweise – noch weit von der Ekstase entfernt ist, die er ihr einen Abend später verpassen sollte.

Irgendwann, die Sonne noch nicht im Begriff ihr gelbes Kleid gegen das hellrote zu tauschen, ist Schluss. Muss so sein, die Behörden wollen es nicht anders. Nicht jedes Detail konnte besprochen werden. Und es wird – unumstößlich – bei dieser einen Bühnenprobe bleiben. Keine weitere, no chance. Es wird zwangsläufig also das ein oder andere zu improvisierende Element geben. Macht aber keinen unruhig. Das „endlich“ kann endlich kommen.

SHOWTAG EINS:

Der Tag X bricht an. 20. Juni 2014. Angekündigt auf der Homepage der Band als „Der Tag, an dem sich alles ändern wird.“

2 x  110.000 Menschen machen sich ab diesem Wochenende auf den Weg nach Hockenheim. Hockenheim, um das mal klar zu stellen, hat elfmal weniger Einwohner, als ONKELZ-CITY. Schockt hier aber niemanden nachhaltig. Die Väter, Söhne und Töchter der Stadt sind einiges gewohnt. Nicht nur den jährlich stattfindenden Großen Preis von Deutschland, auch das „Rock`n`Heim“ und viele weitere Sport und Konzertveranstaltungen. Und eigentlich konnte die Gemeinde auch immer den Ansturm der Besucher handhaben. Bei den Onkelz kommt es schon einen Tag vor Showbeginn zu massiven Verkehrsstörungen. Grillen auf der Autobahn, das hatten wir schon mal. Da ging einfach gar nichts mehr.

Ein kurzer Blick in Richtung Petrus. Sieht stabil aus, das darf sich eigentlich auch nicht mehr ändern. Ein Onkelz Konzert unter diesen Bedingungen darf nicht im Regen stattfinden. Hoch auf den Onkelz-Tower, dem ultimativen Backstage Bereich der Band. Von ganz oben, da hat man einen wunderschönen Aus- und Überblick. Der Blick auf das menschenleere Gelände, auf die Ränge, den staubigen Innenraum und das davorstehende Monster… Alles wirkt einfach surreal. Wie oft werden sich die Leute, die gleich – um 14 Uhr – eingelassen werden fragen, ob das alles nur ein Traum ist? Ich stehe oben, schaue runter und frage mich das unentwegt. So schnell ging das alles, so schnell, dass das Verarbeiten noch nicht stattfinden konnte.

Dann werden die Schleusen geöffnet. Ein schwarzer Strom fließt durch die Tore. Zähflüssige, biologische Masse in bierseligem Zustand. Fast wie Lava. Hoch energetisch. Wer nicht schon vor der Venue einen Merchandise Stand aufsuchte, der belagert jetzt einen in der Arena. Die neuen Motive kommen gut an und die Schlange, die Schlange, die Schlange – sie ziert tausende Rücken. Einer steht neben mir, der will es ganz genau wissen. Kauft von allem ein bisschen, verwechselt Merch-Stand mit Käsetheke – jedenfalls scheint es mir so. „Das kann er nicht ernst meinen“, denke ich mir, doch als unser lieber Merch-Mann dem Guten den Gesamtpreis nennt, zückt der nur lässig sein Portemonnaie, gibt die Scheine weiter, nimmt alles entgegen und bedankt sich artig.

Showtime für die Supportbands. Bands, die aufgrund ihrer Größe schon für sich genommen in der Lage wären, eine ganz stattliche Anzahl von Fans zu mobilisieren, freuen sich diebisch auf diesen Tag.  CROWBAR und Soulfly – mit einem nicht zu stoppendem Max Cavalera -, kicken krass. Da gibt es nichts zu meckern. Dennoch: Das Highlight an beiden Abenden vor den Onkelz sollte noch kommen. Niemand geringere als die starken LIMP BIZKIT geben sich die Ehre. Fred Durst, immerjunger Frontmann der Amerikaner, gut gelaunt mit Deutschlandfahne um den schwerstens tätowierten Arm. Die Bizkits spielen ein hart animierendes Best Of Set und Durst gibt einen verdammt ordentlichen Einheizer ab. Die pogenden Fans beginnen, eine Menge Staub aufzuwirbeln, der vor der Bühne in den Himmel steigt und es unseren Kameraleuten teilweise erschwert, gute Bilder einzufangen.

Dann – die Ruhe vor dem Sturm. Umbaupause. Das Ende von fast zehn Jahren Warten scheint greifbar nah. Die Spannung ist kaum noch auszuhalten. Dann reißt die Wolkendecke auf und die Sonne taucht das Gelände in ein warmes, goldenes Licht. Petrus, mein lieber Jung: Das hätten wir nicht besser planen können. Die Szenerie ist – ich muss es noch mal schreiben – surreal. Man schaut sich um, die Gesichter sind erwartungsvoll. Gespannt ist untertrieben. Viele sind hier, vielleicht hunderte oder tausende, die ihr erstes Onkelz Konzert vor sich haben. Die waren schlicht und ergreifend zu jung, um die Band vor ihrer Auflösung genießen zu dürfen und die jungen Fans hier, die sind heiß auf ihre Band. Die haben es satt, die Onkelz Lieder nur auf den Live-Vermächtnissen zu hören, oder schlimmer noch: im Bierzelt, vor hundert Leuten, spät nachts um drei. Die wollen endlich dieses verdammte Feuer spüren.

Weitere Schnappschüsse: Mädels auf den Armen von breitschultrigen Krassmännern. Tätowierte Hauer, Studenten, Schülerinnen. Blanke Brüste, die Crew lacht. Irgendwas liegt in der Luft. Die „alten Hasen“ werden sich erinnern: Vor fast jeder besseren Onkelz-Show gab es Sprechchöre, „WIR WOLL`N DIE ONKELZ SEH`N“ und dergleichen. Nicht, dass die heute komplett fehlen würden, aber es ist verdächtig still. Für 100.000 Menschen auf jeden Fall spürbar leise. Allgemeine abwartende Haltung? Ungläubigkeit? Von allem etwas.

Ben Becker betritt die Bühne und sprengt wortwörtlich die Stille. Unerträglich ist die Spannung und die Ruhe geworden und Becker, an diesen beiden Abenden so etwas wie der ultimativer Prediger des BÖHSEN, stellt sich mit breiter Brust auf die Rundbühne. Diese Präsenz: Seine blonden Haare, seine massige Statur, seine Stimme. Alter, diese Stimme. Tja, und dann? „VIELE MENSCHEN WERDEN MICH VERFLUCHEN, WEIL ICH HEUTE HIER STEHE!“ Überblende, Cut. Mal ehrlich, die legendäre Rede kennt jeder. Muss nicht noch mal rezitiert werden, oder? Lieber mal ein paar weiche Fakten über einen Menschen, der schon so viel erlebt hat und trotzdem noch „keinen Bock hat, umzufallen.“ Ben Becker gehört zu den talentiertesten deutschen Schauspielern unserer Zeit. Er ist der Sohn der Schauspielerin Monika Hansen und des Schauspielers Rolf Becker. Auch seine Schwester Merit Becker ist eine angesehene Schauspielerin. Der Schauspieler Otto Sander war sein Stiefvater. Vor etwa zehn Jahren lernte er Stephan kennen, eine Freundschaft entstand. Man merkte, dass man viel gemeinsam hat. Viele Parallelen. Parallelen erschaffen Zugang, und Zugang ermöglicht es, Bande zu knüpfen. Nicht nur Weidner und Becker – Becker und die Band haben viel gemeinsam. Sei es die bedingungslose Liebe derer, die mehr in ihnen sehen, als das schlichte schwarz/weiß Bild, das die Medien malen, beide polarisieren aber auch. Und das gerne.  „Das Leben war lange ein Spiel für mich. Ich habe die Skandale regelrecht gesucht“, sagt Becker dem Magazin „Focus“. „Ich wollte wissen, was passiert, wenn man Grenzen überstrapaziert. Das war eine Art Alltagskunst. Performance.“ Der Mann weiß, wovon er spricht. Kevin und er quatschen viel vor dem Aufritt. Auch Ben weiß, was es heißt, den eigenen Körper bis an die Grenzen der Belastbarkeit zu strapazieren. Der Auftritt hinterlässt offene Münder. Die 110.000 Neffen und Nichten checken nicht, was vor sich geht. Aber er schafft es, die Spannung auf ein unerträgliches Level anzuheben. „NICHTS“, Beckers bassige, raue Stimme, die sich dem Höhepunkt der Ansage nähert, wird immer lauter. „IST FÜR DIE EWIGKEIT“ – aus hundertausenden Mündern unisono wiedergegeben. Jeder, der ab diesem Punkt keine Gänsehaut hat, der ist tot. Klinisch tot, begraben, ein Zombie. Punkt.

Dann, die nächste Überraschung. Das Orchester, die NEUE PHILHARMONIE FRANKFURT setzt ein. „28“ wird vorgetragen, eröffnet die Show. Das Stück, das seit der Onkelz Tour 2000 und – natürlich – seit dem Lausitzring als feinstes und feistestes Onkelz-Intro gilt (quasi das METALLICA „THE ECSTASY OF GOLD“ Eröffnungs-Pendant), erklingt ungewohnt und lebendig. Mit dem vollen klassischen Besteck vorgetragen, mit dem Dirigenten Patrik Bishay in vorderster Front, den Taktstock schwingend. Ein ungeheuer sympathischer Typ, der sein Orchester – die vielen Mädels und Jungs (allesamt nicht minder sympathisch)-, voll im Griff hat. Es ist der erste Auftritt eines Orchesters bei einem Onkelz-Konzert. Seit drei Monaten haben sich diese Musiker auf den Auftritt vorbereitet, darauf hin gefiebert. Wer gerne mehr über die Arbeit dieser fantastischen Ausnahmemusiker erfahren will, der darf sich bitte unser Interview mit Patrik durchlesen: hier.

Wo waren wir? „28“, stimmt. Diese in Noten verpackte Fahrt der einst hellen, dann immer düster werdenden Behausung Russells auf der Weberstraße in Frankfurt nähert sich dem Ende und die LED Türme erwachen; projizieren vier Onkelz-Silhouetten, die sich langsam aber selbstbewusst in Richtung Bühne bewegen. Blitz, Donner. Dann, wieder Becker. „LADYS & GENTLEMAN: HIER SIND SIE: HIER SIND DIE ONKELZ!“ Der Aufgang zur B-Stage wird von einer Serie kleiner „Explosionen“ in den Focus gerückt. Immer noch ungläubiges Staunen, die Leute wollen endlich, dass der „Vorhang“ fällt. Auf der riesigen LED Wand hinter PEs Schlagzeug läuft der Countdown ab. 3, 2, 1. Wie in Zeitlupe. Die längsten Sekunden, aber auch die, die das Unmögliche endlich möglich werden lassen.

Bass, Bass, Gitarre, Gitarre. Und dann. Ein Wort. Eine Silbe. So laut, so eindringlich. „JAAAA“. Kevin Russell. Das beste „Russell-Jaaa(hr)“ seit langer Zeit, das ehrlichste. PE legt los. Nach so vielen Jahren wieder hinter seiner geliebten Schießbude, der Takt im Orkan, Gleichgewicht und Ruhepol – endlich wieder an seiner Maschine. „HIER SIND DIE ONKELZ“ eröffnet das Set. Muss es einfach. Der Song ist einfach der Über-Opener seit Jahren, und wenn man nach gefühlten Ewigkeiten das erste Mal wieder gemeinsam eine Bühne teilt, dann mit dieser Ansage, ohne geht es einfach nicht. „WARUM WILLST DU LAUFEN, WENN DU – FLIEGEN KANNST?“ Die Freude der Band, sie ist nicht nur hör- und sichtbar. Sie ist spürbar. Hier wird alleine in den ersten Noten des langen Abends so viel Energie erzeugt, dass man damit die kleinen, umliegenden Städtchen vermutlich ein Jahr lang mit Strom versorgen könnte.

Stephan im kompletten Onkelz-Ornat. WIEDER E.I.N.S. Cap,  Onkelz Jeansweste. Gonzo elegant mit Cowboyhut, Pe im Sweater und Kevin eben. Lange Haare, Sonnenbrille bis zum Sonnenuntergang und mit bester Stimme. Die Jungs lachen wieder. Leute, habt ihr das gesehen? Es wird gelacht! Wer nur die Chance hatte, der Band auf der letzten Tour die „letzte Ehre“ zu erweisen, der konnte nicht glauben, dass da gerade die gleichen Personen auf der Bühne stehen, sich abklatschen, posen und in bester Spiellaune das (re)präsentieren, was für alle undenkbar war: Eine EINHEIT. Für die nächsten drei Stunden gibt es nur die Band und deren Fans. Der Rest der Welt verschwindet in Emotionsnebel und Pogo-Staub. DIE besten ONKELZ aller Zeiten SIND ZURÜCK, checkt ihr das? Nein, viele – meine Wenigkeit eingeschlossen – konnten den ersten Tag noch nicht begreifen. Das war einfach noch zu krass. Vom ersten Tag sind nicht mehr als verschwommene Momentaufnahmen übrig, die in meinem Hirn nach wie vor um Erklärung bitten. Bruchstücke.

SCHOWTAG ZWEI:

Daher lasse ich ein paar Schnappschüsse aus meinem Gedächtnis die Worte übernehmen, die sich am zweiten Konzerttag abgespielt haben, als die Stimmung deutlich gelöster und die Fans dem kollektiven Ausrasten so nahe wie nur irgend möglich waren.

Während des ersten Sechserblocks, kurz nach „FINDE DIE WAHRHEIT“, drehe ich mich um. Neben mir sitzt ein junger Mann, vielleicht 28, allerhöchstens 30 Jahre. Er sitzt auf diesem Boden, der beständig Staub aufwirbelt und hat die Arme vor seinem Gesicht verschränkt. Natürlich trägt er ein Onkelz-Shirt. Das, des Lausitzrings. VAYA CON TIOZ steht vorne drauf, dazu natürlich die Engelsskelette. Auf seinem Kopf trägt er einen Sombrero. Es läuft gerade „KINDER DIESER ZEIT“ – die Nummer (eines der Highlights der Adios und eine stilechte Live-Premiere an diesem Abend) ist etwas ruhiger und er richtet sich auf. Geweint hat er. Tränen. Aber er lacht bei dem Lied. Er nimmt seine Freundin in den Arm, zusammen singen sie „WEITER IMMER WEITER, IMMER WEITER GEH`N, WEITER, IMMER WEITER, BLEIB NIEMALS STEH`N“. Ich will wissen, was ihn ihm vorging, als er da so für sich saß, eingesackt. Hinterher wird er mir sagen, dass ihn seine Emotionen während des „Hände nach oben“ – Teils bei „FINDE DIE WAHRHEIT“ komplett übermannt haben. Er konnte einfach nicht glauben, dass er das hier erleben darf. Er wünschte sich diesen Augenblick so sehr, aber der Glaube daran war erloschen. Für seine Karten zahlten beide mehrere hundert Euro, aber selbst, als diese im Briefkasten lagen, war das alles noch unecht für ihn. Erst bei „FINDE DIE WAHRHEIT“, erst als er nach 2005 wieder 200.000 Hände sah, die den Onkelz zujubeln, war ihm klar: Es ist kein Traum. Die Tränenkanäle meldeten sich. Ich will nicht auf jeden einzelnen Song eingehen. Die meisten von euch dürften die Setlist aufgesogen haben, wie ein Staubsauger Krümel und schon bald habt ihr die Möglichkeit, die Erinnerungen auf euren TVs zurückzuholen und in Vitrinen zu konservieren. Ich will aber sehr wohl auf Highlights zu sprechen kommen.

Unumstrittenes Glanzlicht war KOMA. Nicht, weil der Song mit der Philharmonie gespielt wurde, nein. Moses Pelham war Gast. Kurz nach der ersten Strophe, dem ersten Refrain, setzt er ein. Er rappt. Er rappt seinen Part der ersten Strophe seines Songs „FÜR DIE EWIGKEIT“. Dieses Ding, Ende 2012 veröffentlicht, war mehr, als nur eine Reminiszenz an „KOMA“, es war der Schulterschluss zweier Genres. Pelham ist ein Frankfurter Original, genauso wie Väth und viele andere. Seit vielen Jahren bekennender Onkelz-Fan. Sein „FÜR DIE EWIGKEIT“ war mutig, sein TV Auftritt mit eben jenem Song ebenfalls. Der Respekt, auf beiden Seiten für das Schaffen des jeweils anderen, sehr groß. Logische Konsequenz: Sein Auftritt bei KOMA. Die Bühne wird in blaues Licht getauft, Kevin hat seinen Part des Refrains gesungen, Moses betritt die Bühne. Nochmal: Er rappt. Auf Deutsch. Und auf einem Onkelz-Konzert. „MACH DAS ETWAS LAUTER – DAS HIER MUSS DURCH DIE WÄNDE DRINGEN…“ Wieder Gänsehaut. Dieses Licht, die Video-Screens, diese Brücke zwischen Frankfurt / Rap und Frankfurt / Rock – City. Aus unfassbar und staunen wird langsam unfassbares Staunen. Die Fans tauen auf, sind sie schon ein paar Songs vorher, aber KOMA setzt den ersten emotionalen Druckverband auf die schmerzhafte Wunde, die so lange geklafft hat. Moses ist extrem gut gelaunt, umarmt Stephan, Kevin, Gonzo, klatscht mit PE ab. „VIVA LOS TIOZ“ ruft er der Band zu, als er diese Bühne verlässt, auf der er für die paar Minuten des Songs im Mittelpunkt stand.

„Wir ham noch lange nicht genug“ wird gespielt. Dieses Brett von 1991 war das erste Lied, das die Onkelz wiedervereint im Proberaum angestimmt hatten. Irgendwie logisch, dass es nicht fehlen durfte, oder?

„Hast du Sehnsucht nach der Nadel?“ Kevin, zurück von den Toten, hat was zu sagen. Seine Ansage trifft ins Schwarze. Keine Drogen mehr. Keine verändernden Substanzen. Stephan ergänzt: „Wenn er es geschafft hat, davon loszukommen, dann kann das jeder. Und ich meine wirklich: JEDER!“ Ein weiteres Highlight, und wieder das Orchester: „Der Himmel kann warten“. Wunderschön vorgetragen, das erste Mal live und ich habe noch das Wort eines guten Bekannten im Ohr, der sich diesen Song so sehr gewünscht hat: Danke. Schlicht und ergreifend: danke. Mehr konnte er nicht sagen, als das Lied gespielt war.

Nach dem „Dunklen Ort“ spielt die Philharmonie eine Akustik-Version von „Panamericana“, während sich die Onkelz auf den langen Weg über den Laufsteg durchs Publikum zur B-Stage machen. Die erste Hälfte ist verflogen, „warum willst du laufen, wenn du fliegen kannst?“

Zeit hat hier heute Abend keine Bedeutung. Einstein hätte seine Freude gehabt, denn so relativ wie an diesen beiden Abenden waren drei Stunden noch nie. Die Band ist gelöst. Jetzt schon, und man nimmt sich während des Weges auf die „kleine“ Bühne Geduld, um mit den Fans abzuklatschen. Mitten im Hexenkessel steht dieses Teil. Vier Songs werden gespielt. Bei „BIN ICH NUR GLÜCKLICH, WENN ES SCHMERZT“, sehe ich wieder Menschen, die sich umarmen, zusammen lachen und weinen. „NICHTS IST FÜR IMMER DA“ ist ebenfalls eine Premiere. Wie oft mag dieser Song und dessen Grundaussage schon Stütze für Leute gewesen sein, die sich beschissen gefühlt haben? Wie oft hat er ihnen geholfen, aus einer Depression zurück ans Licht zu kommen?

Die Sonne ist verschwunden, und diese wahnsinnig schön illuminierte Bühne samt ihrer zaghafteren Schwester inmitten der Fans, kommen richtig zur Geltung. Nach dem Ausflug in den ruhigeren Teil des Abends, wird weiter gefeuert, logo – bevor „Erinnerungen“ das reguläre Set beschließt. Das erste Mal seit so vielen Jahren, ist „Erinnerungen“ nicht mehr das letzte Onkelz-Lied auf einem Onkelz-Konzert. Hat sich das komisch angefühlt? Seid ehrlich. Am ersten Tag? Mir ging es ähnlich. Am Abend des 21igsten Juni spielt das deutsche Team in Brasilien gegen Ghana und erkämpft sich mühselig ein 2:2.  „Mexico“ wird dieses Mal von Stephan wieder mit der obligatorischen „WAS WOLLT IHR HÖREN?“ Fragerunde angesagt, die Jogi-Truppe gleicht aus und dann gibt es kein Halten mehr. Der Pogo, die Gesänge, die Tänze. Alles dreht durch und völlig frei – die Band unter einer unbedachten, postapokalyptisch anmutenden Bühne, die Fans unter einem wolkenlosem Himmel, in einer sternenklaren Nacht.

Nach „Auf gute Freunde“ ist es soweit. Der letzte Tanz für dieses Jahr, meine Damen und Herren. Stephan bedankt sich bei allen. Bei allen, die diesem Wahnsinn Gesicht gegeben haben. Bei der Crew, deren Sonnenbrände am Samstag nicht mehr zählbar waren, den Hoppes, die das alles hier erst durch Visionen und Mut ermöglichten, Ben und Moses und allen anderen, die durch Arbeit und Vertrauen, durch Freundschaft und Halt diesen Traum in einer sehr unwirklich erscheinenden Realität veredelt haben. Es war zwar nicht die Ansage unmittelbar vor dem letzten Song des Abends, „NICHTS IST FÜR DIE EWIGKEIT“, sondern die vor Nr. 1, aber sie passt so gut zum Thema, so gut zum Motto, dass ich sie hier an dieser Stelle gerne verwenden möchte. Stephans „Uns geht es gut, und: WIR BLEIBEN“ waren zwei Erkenntnisse, die wichtiger nicht hätten sein können. Und so sagt er eben dieses letzte Lied an, das vor so vielen Jahren entstand, und dessen wirkliche Destination keiner vorher sagen konnte. „NICHTS IST FÜR DIE EWIGKEIT“. Die Band mobilisiert nach zwei Abenden voller bedingungsloser Abfahrten noch mal all ihre Kräfte. Das Orchester ebenfalls. Und die Fans? Ihr? Ich kann diese letzten Minuten nicht beschreiben, es geht nicht. Jeder Versuch würde scheitern, ins Leere führen. Dieser Anblick im Mittelteil des Songs, kurz bevor Gonzo zu seinem Solo ansetzt, diese Energie währenddessen und bis zum Schluss – Worte müssten erfunden werden, um das adäquat wiedegeben zu können. Und ich bin leider kein Dichter, kein Poet. „HABT IHR NOCH NICHT ERKANNT, WARUM ES BÖHSE ONKELZ GIBT?“

Die Backliner nehmen die Instrumente entgegen, die Band umarmt sich. Es tut so gut, den Onkelz dabei zuzusehen. So unendlich gut. BAYA, neu interpretiert von der Philharmonie und ein wunderschönes, weil bescheidenes Feuerwerk, beschließt sie: Die Rückkehr. Wie lange wird es wohl dauern, bis jeder der vier Onkelz das Erlebte verarbeiten kann? Wie lange brauchen wir alle dafür? Wie lange ist eigentlich: Für die Ewigkeit?

Stephan ist unmittelbar nach der zweiten Show hochgradig emotional unterwegs. Nach dem Feuerwerk musste er um seine Fassung kämpfen, weinte und konnte das Erlebte noch nicht richtig einordnen. Wie auch? Von null auf zweihunderttausend? Von jetzt auf gleich? Es gab so viel Angesammeltes, gutes wie schlechtes – bei jedem. Dieser Neuanfang ist auch ein Abschied. Vor neun Jahren lautete der Satz umgekehrt. Ein Abschied von alten Dämonen (lebt wohl, ihr Arschlöcher), alten Feinden (die wieder zu Freunden wurden) und alten Gewohnheiten (sollen sie bleiben, wo sie hingehören). Schwer, das alles auf einmal zu begreifen. Stephan war keine Ausnahme, aber ein Beispiel für die emotionale Tragweite dieser Entscheidung. Wo vor neun Jahren Tränen der Trauer und Wut geweint wurden, da waren es dieses Mal Tränen der Erleichterung und Freude. Erinnert euch an diese Worte: „Es gibt kein großes Kunstwerk ohne Tragödien, mit Freundschaften verhält es sich ähnlich.“ Diese Tragödie hier, die hat ihr Happy End gefunden. Nein, kein Ende. Einen Anfang. Einen (neuen) Anfang.

Dieses große, mehrstöckige Gebäude mit dem Stern – das, das aussah wie ein abgestürztes UFO: der Onkelz-Tower, der wartete begierig nach Show-Ende auf seine Gäste. Auf dieser Feier wurde gelacht, es wurde geredet. Viel gelacht. Bis in die frühen Morgenstunden.

Alle vier Onkelz. Alle V.I.E.R. wieder E.I.N.S.

Text: Dennis Diel

Fotos: Candy Back

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