Neues

Als ich in dieser denkwürdigen Nacht in Leipzig das erste Mal auf die Uhr schaue, ist es bereits 0:28 Uhr. Achtundzwanzig, bezeichnenderweise, geht es mir durch den Kopf. Zwischen dem ersten und dem letzten Ton an diesem Abend hatte Zeit für mich ihre Bedeutung verloren. Nun sitze ich hier allein auf der Tribüne, wo eben um mich herum noch mehr als 50.000 Neffen und Nichten einen geschichtsträchtigen Abend erlebt haben. Während das Stadion sich mittlerweile geleert hat, die Menschenmassen in die Nacht verschwinden, sortiere ich meine Gedanken und komme dabei immer wieder zum Thema des Anfangs zurück. 

Anfänge tragen einen seltsamen Widerspruch in sich: Sie stehen zwischen Erwartung und Ungewissheit, zwischen dem Zauber des Möglichen und der Schwierigkeit des ersten Schritts. Das, was hier zunächst wie ein Gegensatz wirkt, sind in Wirklichkeit zwei Töne desselben Akkords, zwei Seiten eines Moments. Wenn man diesem Gedanken folgt, dann hat der Zauber eines jeden Anfangs seinen Preis: Er ist herausfordernd und bisweilen anstrengend, aber es lohnt sich, ihn zu zahlen. Gratulation, wenn du es bis hierhin geschafft hast, meinen Gedanken zu folgen. Was das mit den drei hinter uns liegenden Shows in Leipzig zu tun hat? Das erzähle ich dir in den folgenden Zeilen.

Keine Sorge, du musst dir nicht alle diese Absätze durchlesen, wenn du das nicht möchtest. Scrolle einfach nach unten, dort habe ich für die Generation „TikTok“, die bereits ganz verzweifelt nach der Möglichkeit des Wischens sucht, eine Kurzfassung dieses Konzertberichtes geschrieben, der die heute übliche Aufmerksamkeitsspanne berücksichtigt. Du kannst aber selbstverständlich auch gern weiterlesen. 

Bevor ich meine Eindrücke mit euch teile, machen wir gemeinsam einen gedanklichen Schritt zurück und begeben uns an den Anfang (da ist er wieder) dieser Reunion. Die Wiederauferstehung der Onkelz! Ein Moment, von dem die Meisten (einschließlich mir selbst) glaubten, ihn niemals erleben zu dürfen! Wer von euch hätte 2014 denn ernsthaft gedacht, dass wir 12 Jahre (!) später noch immer die Onkelz feiern können und vor allem, dass sich die Band noch immer ein Stück weit neu erfinden kann? Ich meine, wir befinden uns mit großen Schritten auf dem Weg zum 50-jährigen Bandjubiläum – macht euch das mal klar! Und wenn du über fünf Jahrzehnte auf den größten Bühnen der Republik gestanden hast, dann musst du da draußen niemanden mehr etwas beweisen. Dann beweist du es dir am Ende nur noch selbst. Und genau das hat die Band, mit der Idee auf einer Rundbühne im Stadion zu spielen, getan. Raus aus der Komfortzone. Raus aus dem Vertrauten. Rein in ein neues Kapitel im Buch der Erinnerungen.

Doch jeder Anfang hat auch einen Moment, in dem aus einer Idee, aus einem Konzept, Realität werden muss. Einen Moment, in dem Zeichnungen und Planungen in die Wirklichkeit übersetzt werden wollen und diese Wirklichkeit seid ihr. Für die unzähligen Menschen, die seit Monaten an dieser Idee gearbeitet haben, seid ihr der Maßstab. Ihr entscheidet am Ende darüber, ob sich hunderte Stunden Planung, Aufbau und Vorbereitung in das übersetzen, was sich die Onkelz und alle Beteiligten erhofft haben: ein unvergessliches Live-Erlebnis.

Einen ersten Vorgeschmack auf die Onkelz und die Setlist dieser Tour 2026 gab es bereits am Mittwoch im Haus Auensee. Eine kleine, schwitzige Nummer und eine erste Begegnung mit den 25 Akten der diesjährigen Setlist. Es gibt aus meiner Sicht einige Highlights, die ich aber nur in Teilen anreißen werde, um denjenigen nicht die Überraschung zu nehmen, die mit großer Mühe versuchen, nicht gespoilert zu werden. Die Show im Haus Auensee, die insgesamt stimmungsvoll und reibungslos verlief, war der letzte Test, das sprichwörtliche Warm-Up, für die Stadion-Shows am Freitag und Samstag. Zwischen den verschwitzen Wänden und dem eher privaten Ambiente eines ausverkauften Clubs und einem Stadion mit über 50.000 Fans liegen Luftlinie nur sechs Kilometer. In der Dimension, der Vorbereitung und Umsetzung sind es zwei völlig verschiedene Welten. Und deshalb wurde im Stadion, während ihr zu „Terpentin“ im Haus Auensee getanzt habt, Stunde um Stunde weiter aufgebaut, getestet und die Vorbereitungen auf die erste Show am Freitag abgeschlossen. Der Dimension dieser Vorbereitungen, der Bühne, der Kabel, der LED-Wände und dieser acht monumentalen Tower, die sich in den Leipziger Himmel schraubten, werden wir im Rahmen unseres Formats „Ihr fragt – Wir antworten“ einen eigenen Clip widmen. Das hier auszuführen, würde allerdings jeden Rahmen sprengen. 

Nur so viel: Der Donnerstagabend, der Abend des Soundchecks, gab uns allen bereits eine erste Idee dessen, was uns hier in 24 Stunden erwarten würde. Der Sound im leeren Stadion war bereits so klar, so auf den Punkt, dass wir kollektiv aus dem Schwärmen nicht mehr herauskamen. Das muss man technisch/akustisch erstmal so hinbekommen! Als dann die riesigen Scheinwerfer auf den acht Towern den Leipziger Nachthimmel durchbrachen, als wollten sie eine UFO-Landung ankündigen, wussten spätestens alle Anwesenden: Hier wird in weniger als 24 Stunden Onkelz-Geschichte geschrieben.

Und dann war es endlich soweit: Showstart im Stadion. 

Die Stunden vor einem Konzert, insbesondere bei derart großen Produktionen, die dann noch zum ersten Mal im Onkelz-Kontext so umgesetzt werden, haben ihre ganz eigene Magie. Die Stimmungslage bei den Beteiligten variiert in meiner Wahrnehmung irgendwo zwischen Vorfreude und Konzentration, zwischen Routinen und neuen Herausforderungen hin und her. Aus einem leeren Stadion wird dann nach und nach ein zentraler Treffpunkt. Aus einzelnen Menschen, die sich in großen Teilen noch nie gesehen haben, wird eine Gemeinschaft. Dieses Spektakel kulminiert dann schließlich im pünktlichen Einlass um 17:30 Uhr. Was für ein gigantischer Anblick vom Glockenturm auf die Festwiese! Wie Ameisen schieben sich Massen um Massen in Richtung des Einlasses, ehe das Startsignal die Schleusen öffnen lässt, das Stadion flutet und damit den Blick freigibt auf das Ergebnis von monatelanger Planung und Konzeption. 

Wie ein Oktogon steht die Bühne da, wo sonst der Anstoßpunkt liegt. Das Schlagzeug und das Keyboard sind erhöht und können sich um 360-Grad drehen. An jeder der acht Ecken ist ein 25 Meter hoher Tower platziert, an dem so ziemlich alles an Licht-/ und LED-Technik hängt, was der Markt hergibt. Dieses audio-visuelle Ensemble, gesteuert durch programmierte Automatismen, schafft eine Atmosphäre, die keinen internationalen Vergleich scheuen muss. Im Schnitt drehen sich Pe und Vinny übrigens alle zwei Songs und damit auch die gesamte Band. So kommt jeder Fan in den Genuss, jedes Bandmitglied mehrfach im Blick zu haben. Durch diese Anordnung gibt es darüber hinaus an jeder der acht Seiten die Möglichkeit, ganz vorn in der ersten Reihe das Konzert zu verfolgen. Klingt gut, oder? Ist in der Praxis aber nicht ganz ohne Herausforderung, was wiederum den Kreis zum Anfang herstellt. 

Es ist Punkt 20:30 Uhr, als sich unter dröhnenden Bässen zwei Tore zum Stadion öffnen und den Weg der vier Onkelz zur Bühne ebnen. Begleitet von einer Armada an Kameras, Crew und unzählbaren Blicken, geht es nun in die Arena. Vorbei an Fans, die ihr Glück wahrscheinlich kaum fassen können, ihren Idolen in diesem Moment so nah sein zu können. Die Band genießt den Augenblick sichtlich, lässt sich alle Zeit, schaut immer wieder ins weite Rund aus tausenden Seelen und mit nur einem Abklatschen gehen Lebensträume in Erfüllung. Was dann folgt, ist das wolfsheulende Startsignal für den Opener, der auf dieser Tour überraschenderweise „Lieber stehend sterben“ ist. 

Ich möchte an dieser Stelle, wie auch in der Vergangenheit, darauf verzichten, jeden Song zu sezieren. In meinen Konzertberichten soll es bewusst weniger darum gehen, was gespielt wurde, sondern vielmehr, wie sich der jeweilige Moment für mich (und vielleicht auch für euch) angefühlt hat. Das ist das, was ich euch transportieren möchte. 

Die Vier brauchen zu Beginn der ersten Show etwas, um sich in der neuen Situation der Rundbühne zurechtzufinden. Alle Techniker, alle Backliner und die Licht-/Ton Crew sind nicht wie gewohnt auf der Bühne, sondern in einer Art unterirdischen Stadt direkt darunter und verfolgen das Konzert somit an Monitoren. Das ist verständlich ungewohnt, fügt sich aber von Song zu Song immer mehr in ein vertrautes Bild: Vier Onkelz, die jeden Song dieser Setlist voller Hingabe und Leidenschaft zum Besten geben. Kevin ist stimmlich an beiden Abenden von Anfang an sehr präsent und schafft damit, gerade bei Stücken wie „Der Platz neben mir“, „H“ oder „Wenn du wirklich willst“, meine ganz persönlichen Gänsehautmomente. Als die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwunden ist, singt Kevin einfach unnachahmlich: „Es ist einsam ohne dich, ohne dich mein Freund – ich vermisse dich.“ Auf den Leinwänden immer wieder weinende Fans, die in diesem Moment ihren persönlichen Verlust betrauern und sich dabei ganz ihren Emotionen hingeben. Diese Bilder können und werden nie selbstverständlich sein und sind nicht zuletzt der Grund meiner minutenlangen Gänsehaut vom Haarfollikel bis zu meinen Zehenspitzen. Ich beobachte anschließend minutenlang Pe, der hinter seinem Schlagzeug sitzt und einfach mit einer Akribie und Konzentration jeden Song spielt und dabei so viel Ruhe und Souveränität ausstrahlt, dass es mich nicht wundert, dass er den Ruhepuls, den Maschinenraum dieser Band, verkörpert. Stephan und Gonzo liegen sich immer wieder in den Armen, spielen wie so oft gemeinsam den letzten Ton bei „Kirche“ und strahlen dabei eine Vertrautheit aus, die man sich nach 46 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte erst einmal erarbeiten muss. Und Leipzig? Leipzig singt, tanzt und feiert sich zeitvergessen mit den Onkelz in einen gemeinsamen Rausch. Ein Rausch in dessen Verlauf sich Stück für Stück jede Angespanntheit, jede zu Beginn noch vorsichtige Zurückhaltung in Überzeugung und Sicherheit umkehrt. Am Ende bleibt an diesen beiden Abenden in Leipzig ein über zweistündiger Energieaustausch zwischen der Band und euch.

Hier schließt sich nun der Kreis, sowohl für die drei Shows in Leipzig, als auch für diesen Konzertbericht: Es ist nicht nur die Größe der Bühne, die Höhe der Tower, oder die Anzahl an Neffen & Nichten, die diese „Mitten Unter Euch“ Tour 2026 so besonders macht. Es ist auch die Bereitschaft der vier Onkelz, nach 46 (!) Jahren Bandgeschichte noch einmal etwas Neues zu wagen. Zwei Abende im Stadion in Leipzig, die nicht nur Onkelz-Geschichte markieren, sondern die wir gemeinsam so schnell nicht vergessen werden.

Als ich ein letztes Mal auf die Uhr schaue, ist es still um mich herum geworden. Die Bühne liegt längst im Dunkeln, nur in der Ferne höre ich noch ein paar Cases über den Boden des Stadions rollen. Vor wenigen Stunden haben hier noch über 50.000 Fans ausgelassen gemeinsam gefeiert. Jetzt ist alles wieder still. Und während ich diese letzten Zeilen schreibe, komme ich unweigerlich wieder auf den Anfang meiner Gedanken zurück. Anfänge brauchen einen ersten Schritt und sie brauchen Mut, um Wirklichkeit zu werden. Mit einem breiten Lächeln schließe ich meinen Laptop. Zwischen dem ersten Blick auf die Uhr und diesem letzten lagen keine Minuten – dazwischen lagen Erinnerungen, eingefangen in diesen Zeilen. 

Danke, Leipzig!

/ Kurzfassung

Drei Tage Leipzig. Vier Onkelz im Stadion auf der Rundbühne. Über 100.000 Neffen und Nichten. Goil, Leude! Ihr seid die Geilsten! 

Bericht // Marco Matthes

Fotos // Christian Thiele & Moritz „Mumpi“ Künster

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