Neues
Von hier oben sieht die Bühne ganz klein aus, denke ich, als ich mich auf einen der Plätze unter dem Dach des Ernst-Happel-Stadions setze. Mittlerweile ist es tiefe Nacht. Die letzten Neffen und Nichten haben das Stadion längst verlassen, und dort, wo vor wenigen Stunden noch Zehntausende Menschen gefeiert haben, liegt nun eine fast unwirkliche Stille über den Rängen.
Wie die Nadel eines Kompasses ruht die Bühne im Zentrum dieser gewaltigen Arena. Ein eher unscheinbarer Punkt, fast ein wenig verloren zwischen dem ganzen Beton, dem Stahl der acht Tower und den leeren Sitzreihen um mich herum. Und doch ist sie der Ort, auf den sich über die vergangenen zweieinhalb Stunden jede Aufmerksamkeit gerichtet hat. Zehntausende Augenpaare, Seelen und Geschichten – alle liefen sie immer wieder an diesem einen Punkt zusammen. Ein bisschen wie Magie. Wobei Magie vermutlich nur ein anderes Wort für die Dinge ist, die sich unserer Erklärung entziehen. Man muss sie selbst erlebt haben, um sie zu verstehen. Und wenn es eine Stadt gibt, die mich immer wieder an genau dieses Gefühl erinnert, dann ist es Wien.
Denke ich an Wien, denke ich unweigerlich auch an Zeit. An Kunst. An die Musik, die seit Jahrhunderten diese Stadt geprägt hat. An Mozart und Beethoven. An Sigmund Freud. Und natürlich an Falco. Letzterer hat meine Jugend neben den Onkelz musikalisch geprägt wie kein Zweiter. Wahrscheinlich habe ich nur „Der Preis des Lebens“ und „Zu nah an der Wahrheit“ öfter gehört als „Out of the Dark“ und „Jeanny“. Und klar, die „Live in Vienna“ 1991, die ich auf VHS-Kassette bis zum Magnetbandriss rauf und runter geschaut habe, verbinden sehr wahrscheinlich viele unter euch ebenfalls mit dieser wunderschönen Stadt. Falls ihr erst in der zweiten Hälfte der Neunziger oder gar erst in den Zweitausendern geboren seid und euch jetzt fragt: Wer oder was sind bitte VHS-Kassetten?, euch sei gesagt: Das sind quasi große Musikkassetten für Filme aus längst vergangenen Tagen.
In Wien, so scheint mir, entsteht ein Gefühl, dass Vergangenheit und Gegenwart keinen Widerspruch bilden. Es gibt zweifellos Städte, die sich über ihre Geschwindigkeit definieren. Wien gehört für mich nicht dazu. Wien erinnert mich vielmehr daran, dass manche Dinge gerade deshalb Bestand haben, weil sie sich nicht permanent neu erfinden müssen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum diese Stadt und die Onkelz seit Jahrzehnten so gut zusammenpassen. Beide tragen ihre Geschichte sichtbar vor sich her. Beide haben sich verändert, ohne jemals ihren Kern, ihre Identität zu verlieren.
Während ich diese Zeilen schreibe und die Bühne im Ernst-Happel-Stadion bereits zu einem Großteil verschwunden ist, wirkt vieles von dem, was eben noch Mittelpunkt war, plötzlich wie ein Bild, das sich langsam in meiner Erinnerung sortiert. Ein Puzzle aus Emotionen, das, einmal in uns zusammengesetzt, für immer bleibt. Denn bevor Stahl zu Geschichte werden konnte, eine Rundbühne zur Kompassnadel, zum Fixpunkt Zehntausender von euch, lag der eigentliche Ausgangspunkt dieses Wien-Kapitels jedoch an einem anderen Ort.
Sechs Kilometer Luftlinie entfernt. Im Gasometer.
Die Gasometer sind ein faszinierender Ort voller Geschichte. Wo einst Stadtgas gespeichert wurde, entstehen heute Erinnerungen. Für die Onkelz war die Warm-Up-Show im Rahmen der „Mitten Unter Euch“-Tour 2026 eine Premiere. Noch nie hat die Band hier gespielt, und entsprechend gespannt waren wir am Donnerstagabend auf den Auftakt in dieser ganz besonderen Location. Und die Premiere sollte uns nicht enttäuschen: Wien hatte trotz tropischer Temperaturen sofort Bock auf die Onkelz, feierte, sang und tanzte über die volle Distanz von 2,5 Stunden. Und die Onkelz hatten zweifelsfrei auch Bock auf Wien. Kevin war an diesem Abend trotz der Hitze eine ständig spürbare Präsenz, und Gonzo spielte jeden Song mit einer Leidenschaft und Akkuratesse, dass es eine Freude war, ihm dabei zuzuschauen. Ich meine, viele dieser Songs wurden in den vergangenen 46 Jahren wahrscheinlich Hunderte Male gespielt. Sich nach all dieser Zeit trotzdem noch auf jedes einzelne Stück einzulassen, es musikalisch in den Raum zu malen und ihm die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken wie beim ersten Mal, ist alles andere als selbstverständlich. Was am Ende blieb, war weit mehr als ein gelungener Auftakt in Wien. Es war dieses besondere Gefühl, das sich einstellt, wenn die Onkelz und ihr vom ersten Moment an dieselbe Sprache sprechen. Ein Gefühl, das sich auch nach Jahrzehnten und unzähligen Konzertberichten bis heute nicht wirklich in Worte fassen lässt. Das breite Grinsen von euch verriet uns bereits auf dem Heimweg, dass Wien zu einem ganz besonderen Kapitel dieser Tour werden könnte. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, wie magisch und besonders diese Stadion-Show am Ende noch werden sollte.
Neuausrichtung und alles wieder auf Anfang. Das Ernst-Happel-Stadion.
Als ich das erste Mal das größte Stadion Österreichs betrete, bin ich still beeindruckt von der Aura, die diese geschichtsträchtige Arena umgibt. Am Firmament brennt die Sonne mit 35 Grad unnachgiebig und legt spielend jede meiner Hirnzellen trocken. Das wird ein sprichwörtlich heißer Ritt, geht es mir zäh durch den Kopf. Da, wo bereits große Künstler wie AC/DC, Coldplay, U2 und die Stones ihre Fußabdrücke hinterlassen haben, werden in wenigen Stunden die vier Frankfurter ihre Stadion-Premiere feiern. „Mitten Unter Euch“ oder vielleicht besser „Mitten Unter Hitze“. Von Hitze begleitet war dann auch der Einlass, und als pünktlich um 20:30 Uhr das Intro startete, konnte man die Luft im Stadion bereits in Würfel schneiden. Der Stimmung tat das allerdings keinen Abbruch – im Gegenteil. Mit jedem Song stieg gefühlt nicht nur die Temperatur im Stadion, sondern auch die Stimmung all jener Onkelz-Fans im Infield und auf den Rängen. Immer wieder hallt es „Oh, wie ist das schön“ im weiten Rund, und immer wieder halten die Onkelz kurz inne, um diese Momente tief in sich zu vergraben. Und wie bereits im Bericht aus Leipzig geschrieben, wird auch dies hier kein Setlist-Protokoll. Nur so viel: Es gibt Songs, die man nicht einfach hört. Da geht es euch wahrscheinlich wie mir. Diese Songs funktionieren eher wie eine Tür in eure Gedanken, Gefühle und Erinnerungen. Ein paar Zeilen des Textes, ein paar Töne von Gonzo, getragen von Stephans tiefem Bass, und schon stehen wir in Gedanken an einem Ort, in einer Situation, die wir längst vergessen glaubten. Manche Lieder schaffen genau das, und wahrscheinlich sind sie nicht für alle gleich. Aber das Gefühl, für einen Moment wieder in seiner Jugend, in einer ganz bestimmten Situation oder an einem bestimmten Ort zu sein, kennt wohl jeder, der einmal auf einem Onkelz-Konzert gewesen ist. Während ich den Gedanken wieder beiseiteschiebe, zündet Wien bei „Mexico“ ein Meer aus Bengalos. Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie ihr die im Schnitt 30 Zentimeter langen Stangen so zahlreich ins Stadion bekommt und welche anatomisch verrückten Orte ihr dafür nutzt, aber ich kann euch nur sagen: Es sieht verdammt geil aus, wenn das ganze Stadion „brennt“. Und Wien hatte auf jeden Fall einige Bengalos im Angebot.
Ein anschließender kurzer Blick auf meine Uhr offenbart: 22:45 Uhr. Das Grande Finale stand kurz bevor. Doch als mit „Erinnerungen“ diese mehr als gelungene Premiere der Onkelz im Ernst-Happel-Stadion ihre verdiente Klimax finden sollte, erlosch plötzlich das Licht in der gesamten Arena. Genau das, was man sich als Lichttechniker am Ende einer solchen Show natürlich herbeisehnt. Was zunächst wie ein Stromausfall wirkte, war tatsächlich ein profaner Fehler im Automatismus einer choreografierten Licht-Show. Nichts Wildes, aber für den einen oder anderen in der Crew wahrscheinlich die längsten Minuten der bisherigen Tour. Wien nahm es sportlich und erhellte das Stadion mit Tausenden Handylichtern. Da war sie plötzlich für alle sichtbar, die Magie, von der ich anfangs schrieb. Ein Moment für die Ewigkeit! Und während ich diese Zeilen schreibe, wird mir klar, weshalb mir das Bild der Kompassnadel nicht aus dem Kopf gehen wollte.
Es waren nicht die Tower, die Größe des Stadions oder die beeindruckende Produktion. Es war dieser eine Moment, in dem sich Zehntausende Neffen und Nichten gleichzeitig auf denselben Gedanken, dieselbe Zeile und dieselbe Richtung ausrichteten. Für einen Augenblick schien damit jeder seinen eigenen Norden gefunden zu haben, ehe sich in wenigen Stunden wieder alles auf Anfang stellte.
Danke, Wien!
Bericht // Marco Matthes
Fotos // Christian Thiele
















































