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Hitze ist bemerkenswert gerecht.

Sie kennt keine Hierarchien. Es interessiert sie auch nicht, ob du Fan bist oder bei der Feuerwehr, Sänger oder Sanitäter. Zwischen sommerlichem Wohlfühlen und einem Hitzschlag liegen oft nur ein schmaler Grad. Vor ihr sind wir alle gleich: Das Herz schlägt schneller, Schweiß bahnt sich den Weg über die Haut, und selbst das Sitzen vor dem Einlass wird zum Kampf mit sich selbst. Hitze ist gnadenlos.

Apropos gnadenlos: Falls dir dieser Konzertbericht schon jetzt länger vorkommt als das Anstehen vor dem Einlass am Samstag, darf ich dich beruhigen. Am Ende findest du – wie schon aus Leipzig bekannt – wieder eine Kurzfassung. Quasi am schattigsten Platz dieses Textes.

Als ich am Samstagmittag das Max-Morlock-Stadion in Nürnberg erreiche und aus dem klimatisierten Auto steige, fühlt es sich an, als würde die Luft aus tausenden kleinen Stecknadeln bestehen. So in etwa muss sich das Fegefeuer anfühlen, denke ich kurz, wobei ich mich auch nach mehreren Minuten irgendwie nicht besonders gereinigt fühle. Gut, dann muss der Himmel eben noch auf mich warten. Mein Weg führt mich vorbei an den Einlass-Schleusen, wo bereits seit dem frühen Vormittag die Ersten der ersten Reihe ihren Kampf mit den Elementen führen. Genauer gesagt mit der Sonne. Denn zu diesem Zeitpunkt sind es bereits weit über 30 Grad – wohlgemerkt im Schatten. Mit Sonnenschirmen, Rettungsdecken, Litern an Wasser, Campingstühlen und Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50+ trotzen diese Onkelz-Wahnsinnigen tapfer dem UV-Beschuss vom Firmament. Sie nennen es liebevoll ihren „Desert Storm“. Und dieser wird, so viel sei schon mal verraten, wohl als das heißeste Onkelz-Konzert in die Geschichte eingehen.

Von dort aus führt mich mein Weg weiter am B.O.S.C.-Stand und bei den PATENONKELZ vorbei. Während sich bei mir so langsam aber sicher die Kopfhaut ablöst, wird dort mit allen verfügbaren Kräften unermüdlich aufgebaut, organisiert und der erwartete Ansturm zum Einlass vorbereitet. Die letzten Vorbereitungen sehe ich dann auch auf und neben der Rundbühne im Stadion, und spätestens dort wurde mir klar, dass dieser Bericht aus Nürnberg heute mit etwas beginnen muss, das viel größer ist als jedes Stadion, jeder Tower und jede Bühne: die Crew und die Einsatzkräfte dahinter.

88,6. Kein Ruhepuls. Keine Radiofrequenz. Sondern die Temperatur des Bühnenbodens am Samstagmittag. Das reicht spielend für ein perfektes Spiegelei oder für ein paar ordentliche Brandblasen. Unter der Bühne, in der so genannten „Underworld“, wo all die Technik, die Mischpulte und unzählige Racks stehen, die diese Stadion-Shows überhaupt erst möglich machen, sind die Temperaturen kaum mehr auszuhalten. Hier stoßen Mensch und Technik längst an seine Grenzen – sie muss mit externen Klimageräten ständig gekühlt werden, um der Hitze Stand halten zu können. Seit Tagen wurde hier unter schwersten Bedingungen und in praller Sonne aufgebaut. Ich kann mir wirklich nur sehr entfernt ausmalen, wie es bei konstant über 40 Grad sein muss, die Türme, die Bühne, das Licht und den Ton und alles, was damit verbunden ist, ins Stadion zu bauen. Wenn das bloße Stehen bereits einer Nahtoderfahrung gleichkommt, wie muss es dann wohl sein, wenn man unter diesen Bedingungen Tonnen an Stahl und Beton bewegen muss? Für mich ist unsere Tour-Crew – und ich meine wirklich jeden Einzelnen, ohne jeden Einzelnen zu nennen – die eigentlichen Helden dieser Stadion-Show in Nürnberg. Tausend Dank, ohne euch wäre alles nichts! Und egal ob erste Reihe am Einlass, Einsatzkräfte, ob B.O.S.C. oder Stage-Crew – die Hitze von Nürnberg machte uns einen Abend lang zu Verbündeten in gemeinsamer Mission.

Die Sonne hatte Nürnberg tagsüber fest im Griff. Sie bestimmte das Tempo, stellte alles und jeden in den Schatten, ließ selbst kürzeste Wege wie einen Ultra-Marathon erscheinen und drückte vor dem Einlass spürbar und nachvollziehbar auf die Stimmung. Jeder hatte mit ihr bis hierhin seinen ganz persönlichen Kampf geführt – und manche mussten sich ihr leider geschlagen geben. Doch mit dem (leider sehr zähen) Einlass änderten sich die Machtverhältnisse im Stadioninneren. Plötzlich wurde aus jedem einzelnen Herzschlag ein gemeinsamer Takt – aus dem Kampf gegen die Hitze wurde ein gemeinsamer Abend mit den Onkelz. Mitten unter Euch! 

Und ja, wir wissen, dass dieser Abend für viele von euch organisatorisch nicht zufriedenstellend, bisweilen sehr enttäuschend verlief. Wir lesen eure E-Mails und eure Kommentare sehr aufmerksam. Dieser Konzertbericht soll euch einen Einblick in die Herausforderungen geben, die die besonderen Umstände in Nürnberg für die Stadion-Show mit sich brachten. Nicht als Rechtfertigung, aber doch als Erklärung.

Als dann das Intro die stehende Luft in Schwingung versetzte und das Licht hinter dem Stadion nach und nach am Horizont verstarb, war die Energie wieder spürbar, die jedes Onkelz-Konzert so unvergleichlich charakterisiert. Geht es euch da wie mir? Und auch wenn das Thermometer zu diesem Zeitpunkt noch über 35 Grad anzeigte, gab es zwischen den Onkelz und Nürnberg von Beginn an kein Abtasten und keine Zurückhaltung. Ich schaue mich immer wieder im weiten Rund um und sehe ein Stadion, das längst seinen eigenen Rhythmus gefunden hat. Tausende Chöre, abertausende Hände, Pogo in allen Ecken, Bengalos und pulsierende Herzen. Ein Bild, an dem ich mich und wir uns wohl niemals sattsehen werden. Die Band ist ausgesprochen gut drauf und spielt unter diesen Umständen für mich ein nahezu perfektes Konzert. Insbesondere Kevin fasziniert mich dabei einmal mehr. Da steht er, totgesagt, totgeglaubt und mit mehr Leben gesegnet als jede Katze. Auch zweieinhalb Stunden bei mehr als 30 Grad im Stadion zwingen diesen Mann nicht in die Knie. Und wie bei jeder Stadion-Show bisher, habe ich am ganzen Körper Gänsehaut, wenn er so unnachahmlich „Kirche“, „Der Platz neben mir“ oder „Nichts ist so hart wie das Leben“ singt. Wer, wenn nicht er, könnte dieses Stück denn bitte besser verkörpern?

Während ich ihm mit euch gemeinsam zuhöre, geht mir plötzlich durch den Kopf, dass die Nummer nun auch schon drei Jahrzehnte (!) gereift ist und damit längst ihr eigenes Leben führt. Ich meine, wie viele Bands gibt es noch, die vor so vielen Jahrzehnten Musik geschrieben haben, die bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren hat? Die inhaltlich und musikalisch noch so berührt? Ich persönlich kenne nicht viele. Und als ich den Gedanken gerade ventiliere und um mich herum unzählige Bengalos bei „Mexico“ das Stadion endgültig in einen Hexenkessel verwandeln, wird mir bewusst, dass dieser Abend längst über die einzelnen Songs der Setlist hinausgewachsen ist. Denn was hier gerade passiert, ist mehr als eine Aneinanderreihung von Stücken, die vor drei, vier oder sogar fünf Jahrzehnten geschrieben wurden. Es ist ein gemeinsamer Zustand. Einer, der sich nur schwer greifen lässt und der sich irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart festsetzt.

Stephan bringt es auch heute Abend wieder ganz wunderbar auf den Punkt, wenn er sagt: „Ihr kennt unsere Lieder, wir kennen eure Geschichte. Und irgendwo dazwischen treffen wir uns seit Jahrzehnten.“ Und vielleicht ist genau dort auch der Ort, an dem dieser Abend schließlich zur Ruhe kommt. Nicht auf der Bühne. Nicht im Publikum. Sondern irgendwo dazwischen. Dort, wo sich die Hitze dieses Tages längst in etwas anderes verwandelt hat. Wo aus einzelnen Stimmen ein gemeinsamer Klang geworden ist und wo sich selbst die Hitze, gegen die dieser Tag so gnadenlos begonnen hat, am Ende in berauschende Energie umgewandelt hat.

Als sich die letzten Töne mit „Erinnerungen“ über das Stadion legen und Nürnberg langsam wieder in seine Nacht zurückfällt, bleibt genau dieses Gefühl in mir zurück:

Dieser Abend war nie nur ein Konzert.

Es war vielmehr ein kurzer Moment, in dem sich alles für ein paar Stunden an seinem richtigen Platz angefühlt hat.

Im glühenden Nürnberg.

/ Kurzfassung

50.000 Neffen & Nichten in Nürnberg. Hitze: 0 Fans: 1. Onkelz: Verdammt gut drauf. Fans: Wahnsinnig! Bühne: sehr heiß. Alle geschwitzt, alle überlebt, alle glücklich – Danke! 

Bericht // Marco Matthes

Fotos // Moritz „Mumpi“ Künster

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