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Gefühle bleiben nur selten dort, wo sie entstehen.
Vielleicht liegt genau darin ihr eigentliches Wesen. Freude sucht sich ihren Weg von Mensch zu Mensch. Hoffnung folgt ihr. Und manchmal leider auch die Trauer. Kein Körper schwingt allein. Alles ist Resonanz, sagt die Physik. Gefühle lassen sich weder festhalten noch besitzen, sagt das Leben. Stattdessen springen sie über. In einem Lächeln. Einer langen Umarmung. Einem Blick, der mehr sagt als jedes Wort. Oder einer einzigen Begegnung zur richtigen Zeit, die ein ganzes Leben verändern kann. Wir unterschätzen oft, wie sehr wir einander verändern. Und während vieles im Leben kleiner wird, sobald wir es teilen, geschieht mit Emotionen allerdings das genaue Gegenteil: Sie wachsen. Nicht trotz der Gemeinschaft, sondern vielmehr ihretwegen.
Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb Menschen seit Jahrtausenden zusammenkommen. An Lagerfeuern, auf Marktplätzen, der Venus, beim Fußball oder eben vor Konzertbühnen im Stadion. Wir glauben, wegen der Musik zu kommen. Vielleicht kommen wir in Wahrheit wegen der Gefühle, die sie in uns auslöst. Wir suchen Resonanz im Anderen – jenes unsichtbare Band, das aus tausenden einzelnen Menschen für ein paar Stunden ein gemeinsames Wir werden lässt. Ein Gefühl, das ihr und wir „La Familia“ nennen: ein Zuhause unter dem Dach der Onkelz.
Zuhause. Ein Wort mit Interpretationsspielraum. Die meisten verbinden damit einen Ort. Vier Wände. Eine Straße. Vielleicht die Stadt, in der sie geboren wurden. Ich denke, Heimat entsteht anders. Sie entsteht überall dort, wo Erinnerungen auf Menschen treffen, die sie mit uns teilen. Und wahrscheinlich verschwindet Heimat deshalb auch nie mit einem Ort. Sondern erst dann, wenn die Menschen fehlen, mit denen wir unsere Erinnerungen teilen konnten. Deshalb ist Frankfurt für die Onkelz weit mehr als nur ein weiterer Tourstopp dieser „Mitten Unter Euch“-Tour. Frankfurt ist Heimat. Nicht allein, weil hier alles begann, sondern weil hier seit Jahrzehnten Erinnerungen weitergegeben werden wie kaum irgendwo sonst. Zwischen Familie und Freunden. Zwischen Weggefährten. Zwischen der Band und euch. Und genau deshalb gibt es auch keinen besseren Ort, um zu beobachten, was geschieht, wenn Gefühle beginnen, sich zu teilen.
Auf dem Platz neben mir steht Niki. Ihr Papa ist gestorben, da war sie gerade 10 Jahre alt. In dem Moment, als Kevin „Ich warte schon so lange auf ein Wort von dir“ in den Frankfurter Nachthimmel singt, sinkt bei ihr mit jedem Wort auch die Kontrolle über das, was sie bis hierhin tief in sich vergraben hatte. Als die Dämme schließlich nachgeben, kämpfe ich innerlich mit mir selbst, die meinen zu halten. Auf den Leinwänden geht es vielen von euch offenbar ganz ähnlich.
Was passiert eigentlich mit Menschen, wenn über 60.000 von ihnen gleichzeitig dasselbe fühlen?
In diesen Momenten lag aus meiner Wahrnehmung die größte Stärke der Shows in Frankfurt. Emotionen und Gefühle im Schleudergang, so weit das Auge reichte. Stephan erlebt diese Eindrücke zusammen mit seinem Sohn Elvis, der extra für die Stadionshows in Frankfurt bei „Signum des Verrats“ und „Der Platz neben mir“ die Band wie selbstverständlich an der Gitarre begleitet. Die beiden so innig auf einer Bühne zu sehen, macht den Abend allein bereits sehr besonders. Vinny & Elvis, die nächste Generation der Onkelz! Apropos Onkelz: Nachdem ich meinen Konzertbericht aus Nürnberg damit begann, der Crew und allen Einsatzkräften für ihr Engagement zu danken, ist es jetzt an der Zeit, einmal die Onkelz selbst kurz in den Fokus dieses Berichtes zu heben. Was die Band während der drei Shows (und während der gesamten Tour) auf der Bühne abliefert, ist aus meiner Sicht aller Ehre wert. Mit wie viel Dynamik, Leidenschaft und Spaß Gonzo jeden einzelnen Song spielt, als wäre es seine erste Show, beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. Ich meine, die Vier haben längst Geschichte geschrieben und auf Bühnen so ziemlich alles erlebt, was man als Musiker erleben kann. Mit Anfang 60 könnte man es daher, wie viele andere auch, deutlich gemächlicher in der eigenen Performance angehen und altersgerecht auf einen geriatrischen Gang schalten. Stattdessen aber sehe ich die Onkelz Abend für Abend kein bisschen müde und mit einer Lust an der Begegnung mit euch, dass ich uns allen von Herzen noch viele gemeinsame Jahre auf Tourneen wünsche. Geht es euch da vielleicht wie mir?
Kaum habe ich den Gedanken gedacht, ist die Sonne am Horizont bereits vollständig verschwunden und mit dem Licht des Abends beginnt ein gemeinsamer Tanz, den wir alle wohl so schnell nicht mehr vergessen werden. Das Stadion hat zu diesem Zeitpunkt längst seine Ordnung verloren. Niemand um mich herum sitzt noch, überall wird getanzt und gesungen. Immer wieder wird Stephan bei seinen Ansagen mit „Oh, wie ist das schön!“ unterbrochen. Kevin hält dabei inne, steht da, schaut ins weite Rund und genießt sichtlich jede Sekunde. Genau wie Gonzo und Pe. Sie alle spüren mit euch und vergraben jeden dieser Momente ganz tief in sich. Erinnerungen, die bleiben. Immer wieder geben über 60.000 von euch diesen Abenden ihre Stimme. Zwei Reihen vor mir steht ein Paar, das gemeinsam jeden einzelnen Song ausnahmslos mitsingt und feiert, als wäre es das letzte Onkelz-Konzert in ihrem Leben. Ich erfahre, dass sie über 800 Kilometer nach Frankfurt gefahren sind, um diese Konzerte gemeinsam zu erleben. Wegen der Songs, frage ich mich? Wohl eher nicht. Ich glaube vielmehr, dass Gefühle etwas brauchen, das Streaming niemals ersetzen kann: andere Menschen.
Und je länger ich über diese Tour bis hierhin nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass ihr Name sie nur unvollständig beschreibt. Denn irgendwann im Verlauf dieser Abende sind die Onkelz nicht mehr „Mitten Unter Euch“. Sie sind mitten unter uns. Und darin liegt aus meiner Beobachtung die größte Stärke dieser Tour: Sie lässt für ein paar Stunden die Grenzen zwischen der Band und euch Fans fast vollständig verschwimmen. Was dann bleibt, ist eine Gemeinschaft, in der niemand mehr bloß Zuschauer ist. Dann entsteht etwas, das keine Seite allein schaffen könnte. Denn jede Zeile, jede Note und daraus resultierend auch jeder Song gehört längst nicht nur den Onkelz. Sie gehören auch euch, weil ihr darin eure eigenen Geschichten hinterlegt habt. Jeder Verlust. Jede Freundschaft und jeder Neuanfang. Das ist auch der Grund, weshalb diese Songs nie altern.
Als ich mich ein letztes Mal an diesem Abend umschaue, pulsiert das gesamte Stadion in den Noten von „Mexico“. Dabei fällt mir auf, dass kaum jemand diesen Abend ganz allein erlebt. Neben mir liegen sich ein Vater mit seinem Sohn in den Armen und singen, als gäbe es keinen Morgen. Zwei augenscheinlich alte Freunde ein paar Reihen weiter links – einer könnte im anderen Leben Bundesrichter sein – haken sich bei der „Stelle zum Tanzen“ ein und feiern bis zur letzten Note in ihrem jugendlichen Ich. Und irgendwo dazwischen stehen Menschen, die sich vielleicht nie wieder begegnen werden – und die sich trotzdem für einen Abend so anfühlen, als gehörten sie zusammen. Als wären sie ebenfalls für ein paar Stunden hier zu Hause.
Mit „Erinnerungen“ enden diese drei unvergesslichen Abende in Frankfurt. Die Erinnerungen selbst beginnen dagegen erst in diesem Moment. Ein letztes Mal trägt euer Gesang die Zeilen in den Nachthimmel, und in der Mitte des Stadions stehen die Onkelz. Und spätestens an diesem Punkt wird klar, dass es hier nie nur um Musik ging. Sondern um das, was sie zwischen uns sichtbar macht: die Resonanz im Anderen.
Neben mir steht immer noch Niki. Sie lächelt. Ich auch.
Gefühle bleiben nur selten dort, wo sie entstehen.
Bericht // Marco Matthes
Fotos // Christian Thiele, Moritz „Mumpi“ Künster, Tobias Stark, Mike Hoehn




















































