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Welche Wirklichkeit ist es, über die sich seit Menschengedenken schlaue Köpfe die Köpfe zerbrechen?
Marco hat euch in seinen Konzertberichten durch Leipzig, Wien, Nürnberg und Frankfurt begleitet. Er hat über Hitze, Zeit und Gefühle geschrieben und zuletzt mit unserem Tour-Dackel gesprochen. Aber keine Sorge: Es geht ihm wieder gut. Er befindet sich weder dehydriert und im Wahn irgendwo im Pott noch orientierungslos unter der Rundbühne. Für den Abschluss der „Mitten Unter Euch“-Tour reicht er die Tastatur trotzdem an mich weiter.
Zunächst einmal ein Abgleich mit der Realität: Ja, Oberhausen, Schalke und die gesamte Tour haben stattgefunden. Ich habe sie nicht halluziniert und wenn doch, dann mit hunderttausend anderen. Was ich hier auf Schalke erlebt habe, ließ mich dann doch hin und wieder (passend zu Stephans offener Frage an das Publikum, ob das wirklich gerade alles stattfindet) an der Wirklichkeit zweifeln, und dass, obwohl ich nun mit Marco zusammen seit Ende 2013 alle vier Jungs aus Frankfurt kenne.
Was also ist Wirklichkeit?
Die Frage klingt zunächst nach einem dieser Themen, über die sich Philosophen seit Jahrtausenden streiten, während alle anderen Menschen scheinbar vernünftige Dinge tun.
Und wahrscheinlich lässt sich die Wirklichkeit wissenschaftlich, philosophisch und sogar mathematisch ziemlich gut erklären.
Manchmal stößt sie aber an ihre Grenzen.
Zum Beispiel dann, wenn etwas geschieht, das man sich vor langer Zeit ausgedacht hat und das später tatsächlich passiert. Nicht genau so, aber ähnlich genug, um sich zu fragen, ob die eigene Fantasie vielleicht mehr war als eine bloße Flucht aus der Gegenwart. Achtung, jetzt wird es ein bisschen esoterisch. Kennt ihr das Konzept des „Manifestierens“?
Für die Erklärung darf ich kurz eine künstliche Intelligenz bemühen:
Manifestieren bezeichnet den Prozess, bei dem man seine inneren Wünsche und Visionen durch bewusste Gedanken, Emotionen und Handlungen in die physische Realität überträgt. Es geht also darum, die eigene Zukunft aktiv zu gestalten. Häufig wird dieser Social-Media-Trend mit dem sogenannten Gesetz der Anziehung in Verbindung gebracht. Die Grundidee ist, dass positive Energie und fokussiertes Denken positive Ereignisse anziehen.
Vor etwa zwanzig Jahren lernte ich durch einen glücklichen Zufall zuerst Pe und dann Stephan kennen. Zu dieser Zeit war ich arbeitslos, orientierungslos und von Panikattacken und Depressionen schwer durchgeschüttelt. Tagsüber träumte ich davon, irgendwann für die Böhsen Onkelz zu arbeiten, die es zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr nicht mehr gab. Ich interessierte mich für die Menschen hinter der Band. Ich wollte wissen, wie es sein musste, in diesem kleinen, verschworenen Kosmos mitarbeiten zu dürfen.
Aus einem Gefühl heraus, das ich bis heute nicht vernünftig erklären kann, fing ich damals an, fiktive Onkelz-Newstexte für mich runterzuschreiben. Die liegen bis heute in meiner Dropbox. In dieser von mir erdachten Wirklichkeit hatte sich die Band nicht aufgelöst. Sie spielte weiter, trat während der „Orkane über Hockenheim“-Festivals auf dem Hockenheimring auf und stand bei gemeinsamen Gigs mit einigen der größten Rockbands der Welt auf einer gemeinsamen Bühne. Irgendwie war es eine Mischung aus Wunschdenken, Langweile, ADHS-Hyperfokus und Schreibübung. Ein alternatives Universum, in dem das Ende nicht stattgefunden hatte, wurde einfach von mir herbeigeschrieben. So vergingen die Jahre.
Diese Dokumente vergaß ich im Laufe der Zeit, bis im November 2013 mein Telefon klingelte. „Die Onkelz kommen zurück. Hast du im Januar 2014 Zeit?“, fragte Stephan.
2014 wurde ausgerechnet der Hockenheimring zum Schauplatz der Reunion. Heute, zwölf Jahre später, schreibe ich den Abschlussbericht über eine Tour mit einer gigantischen Center Stage, ausverkauften Stadien und dem Finale auf Schalke. Auch die Veltins-Arena kam in diesem ko(s)mischen Multiversum vor, das sich nur in meinem Gedankenpalast abspielte. Natürlich will ich damit nicht insinuieren, dass mein Wunschdenken einen Anteil am Zustandekommen der Reunion hatte. Aber vielleicht das Herbeiwünschen ganz vieler anderer Menschen, die sich – wie ich – meine Lieblingsband zurückgewünscht hatten?
Und irgendwo hier liegt wahrscheinlich die Antwort auf die Frage nach der Wirklichkeit und darauf, ob wir sie durch Gedanken nicht vielleicht doch mehr beeinflussen können als wir … nun, denken. Cut.
Der Pott. Zwischen Haltern, Hamm, Dortmund, Duisburg, Essen, Oberhausen, Gelsenkirchen, Moers und meinem Kamp-Lintfort leben Millionen Menschen in einer Region, die jahrzehntelang von Zechen, Stahlwerken und der körperlichen Arbeit geprägt wurde. Natürlich gibt es längst auch schöne Parks, moderne Einkaufszentren, schicke Eigentumswohnungen und Menschen, die Hafermilch in ihren Kaffee kippen. Der Pott ist trotzdem nicht dafür bekannt, seine Narben zu überschminken.
Mein Großvater Karl arbeitete als Maurer über Tage auf der Zeche Friedrich-Heinrich. Mit Baumaterial, das auf dem Pütt übrig blieb, errichtete er Anfang der Sechziger sein eigenes Haus. Stein auf Stein. Keller, Erdgeschoss, erste Etage, Dachboden. Mein Elternhaus bestand im wahrsten Sinne aus den Resten der Zeche. Diese Gegend ist in meine Geschichte eingemauert. In Kamp-Lintfort und Duisburg habe ich gelernt, wie dicht Scheitern und Wiederaufstehen beieinanderliegen. Und ganz persönlich auch, dass sich Härte oft als Schutzschild vor Verletzlichkeit tarnt. Damit sind wir gedanklich schon ziemlich nah an Schalke. Zunächst geht es aber in die Oberhausener Turbinenhalle.
Die blieb bislang noch „ungeonkelt“, wenn man mal von der BOSC-Party 2019 absieht, auf der sie aber nicht live gespielt haben. Premiere also. Am Donnerstagabend stehe ich auf dem Balkon und schwitze so stark, dass mir hin und wieder kurz schwarz vor Augen wird. Ich schaue auf eine Halle, in der es gefühlte 100 Grad heiß ist. Ob dieser Wert einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten hätte, wage ich zu bezweifeln, aber sagen wir es mal so: Irgendwo glaubte ich einen Hobbit gesehen zu haben, der verzweifelt einen Ring loswerden wollte. Die Luft steht. Menschen schwitzen, ohne sich bewegen zu müssen. Shirts kleben an Körpern und vermutlich verdampfen die ersten Getränke bereits auf halbem Weg zwischen Becher und Mund. Eigentlich müsste man an solchen Abenden jede Form unnötiger Bewegung vermeiden. Dann betreten die Onkelz die Bühne und beginnen mit „Heilige Lieder“.
Das Publikum entscheidet sich kollektiv gegen jede Vernunft und für Energieentladung der Extraklasse. Gut so! Es wird gesprungen. Gesungen sowieso. Die Hitze scheint nicht weniger zu werden, aber sie verliert ihre Bedeutung. Das ist bei einem Onkelz-Konzert vielleicht eine der sonderbarsten Gesetzmäßigkeiten: Je mehr Energie die Band abgibt, desto mehr kommt von euch zurück. Und je mehr ihr zurückgebt, desto großartiger wird die Show. Also treiben sich beide Seiten gegenseitig weiter.
Ich beobachte das und frage mich, wie Band und Publikum unter diesen Bedingungen so gut sein können. Nach all den Shows dieser Tour. Nach Leipzig, Wien, Nürnberg und Frankfurt. Nach Proben, Reisen, Aufbauten, Hitze und unzähligen Kilometern.
In der Setlist befinden sich an diesem Abend zwei Lieder, die tiefer in meiner Geschichte verwurzelt sind als fast alle anderen: „Stunde des Siegers“ und „Kirche“. Auf Konzerten erlebe ich solche Songs allerdings zunächst in der Gegenwart. Ich analysiere währenddessen nicht permanent meine Vergangenheit. Ich sehe die Band, schaue ins Publikum, genieße die Stimmung, das Licht und auch die Bengalos.
Die Erinnerungen kommen oft später. Beim Schreiben zum Beispiel. 1996 war ich vierzehn Jahre alt und hatte gerade das Album E.I.N.S. entdeckt. Diese Musik besaß eine Wut, eine Kraft und eine Haltung, die mir bis dahin gefehlt hatten. Als die Platte bei „Kirche“ angekommen war, kam mein Vater in mein Kinderzimmer. „Was ist das für ein Lärm?“, wollte er wissen. Je länger er dem Lied zuhörte, desto saurer wurde er. Er wollte wissen, was das für eine Band sei und seit wann ich diesen Mist hören würde. In fünf Minuten sollte die Musik aus und die CD im Müll sein. Statt zu gehorchen, ließ ich den Song weiterlaufen.
Nochmal: Ich war vierzehn. Vernünftige Deeskalation gehörte nicht zu meinen herausragenden Fähigkeiten. Wahrscheinlich wollte ich ihn provozieren. Ganz sicher wollte ich ihm zeigen, dass er nicht mehr bestimmen konnte, was ich hörte, dachte oder glaubte. „Kirche“ war für mich eine der ersten kleinen Unabhängigkeitserklärungen an meinen Vater und an eine Welt, von der ich mich ständig herumgeschubst fühlte. „Das sind die Onkelz, Harald“, sagte ich zu ihm. Und fügte hinzu: „Wenn dir noch mal die Hand ausrutscht, passiert was.“
In der Schule lief es bis 1997 nicht besser. Ich war übergewichtig, unsicher und ein leichtes Ziel. In der Pause, nachdem ich von einem Mitschüler wegen meiner „Fettheit“ aufs Maul bekommen hatte, holte ich meinen Discman hervor, legte „Böse Menschen – Böse Lieder“ ein und sprang direkt zu Lied drei. „Stunde des Siegers“. Der Song lief den Rest des Tages fast ununterbrochen. Er machte die Erniedrigung nicht ungeschehen. Er verwandelte mich auch nicht auf wundersame Weise in einen unbesiegbaren Helden. Aber er pflanzte etwas in mich ein, das vorher kaum vorhanden war: den Gedanken, dass der Zustand, in dem ich mich befand, nicht für immer anhalten musste.
Fast dreißig Jahre später spielen die Onkelz beide Lieder in einer überhitzten Turbinenhalle und auch vor der gewaltigen Kulisse in der Veltins-Arena auf Schalke. Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich ihn wieder: Den Jungen mit seinem Discman. Den Vierzehnjährigen, der seinem Vater trotzt. Den jungen Erwachsenen, der fiktive Onkelz-News verfasst, weil er das Ende nicht akzeptieren will. Und den Mann, der zwei Tage später mit seiner Frau das letzte Konzert dieser Tour genießen wird.
Zwischen all diesen Versionen meiner selbst liegen Jahre. Und ein paar Lieder. Ich schreibe das, weil Stephan so schön zwischen zwei Songs sagte, dass diese Band es zwar war, die diese Lieder schrieben, aber es die Fans sind, die sie mit ihren eigenen Geschichten zum Leben erwecken. Wie wahr das ist.
Samstag. Showtag.
Die Veltins-Arena; dieses gewaltige Ding steht da, als wäre es irgendwann aus dem Boden des Ruhrgebiets gestampft worden, weil normale Fußballstadien für diese Region zu unauffällig gewesen wären. 2018 spielten die Onkelz hier zum ersten Mal. Diesmal steht die Bühne nicht am Ende des Stadions, sondern mittendrin. Eine 360-Grad-Produktion. Acht Türme. Licht, Video, Ton und eine technische Infrastruktur, die sich unter und rund um die Bühne wie ein eigenes Nervensystem ausbreitet.
Vor der Show verbringen wir viel Zeit in unserem Büro. Ich führe ein Interview mit zwei Menschen, die viel zum Erfolg der Onkelz in den Jahren 2014 bis heute beigetragen haben, mit Oli und Ossy Hoppe. Ich frage sie, was sich in diesen zwölf Jahren verändert habe und was gleichgeblieben sei.
„Für mich persönlich ist eins gleichgeblieben, nämlich die Jungs selbst“, sagt Ossy. Und weiter: „Wir waren von Anfang an ein Kopp und ein Arsch, wie wir in Frankfurt sagen. Und das ist bis heute so geblieben. Natürlich haben sich die Produktionen verändert. Hockenheim war riesig, die folgenden Jahre brachten weitere Stadien, Hallen, Festivals, Südamerika und immer neue Herausforderungen. Aber die vier Menschen im Zentrum dieses Spektakels sind noch immer die vier feinen Menschen, für die ein Wort und ein besiegelnder Handshake das gleiche Gewicht haben wie vor 12 Jahren.“
Oli erklärt mir, dass eine Produktion wie diese nur möglich sei, wenn man auf Vertrauen und Erfahrung zurückgreifen könne. Die meisten Menschen dieser Crew seien seit zwölf Jahren im Onkelz-Kosmos unterwegs. Das Kernkonstrukt sei so stabil und habe natürlich wachsen können, sagt er und ich verstehe, was er meint: Auf den Fotos seht ihr vier Musiker im Zentrum eines Stadions. Ihr seht die Center Stage, die Leinwände, die Türme und das Licht. Vielleicht seht ihr Rauch, Feuer und Zehntausende Menschen. Was ihr kaum sehen könnt, sind all jene, die diese Bilder überhaupt erst möglich machen.
Die Menschen beim Bühnenbau und Rigging. Die Crews für Ton, Licht und Video. Backliner und Produktion, Logistik, Security, Fahrer, Helfer, Runner und Küchenmannschaft. Menschen, die Material bewegen, Kabel ziehen, Cases schieben, Instrumente vorbereiten, Zeitpläne im Blick behalten und Probleme lösen, von deren Existenz die meisten Fans niemals erfahren. Unter der Bühne befindet sich die technische Herzkammer dieser Tour. Dort arbeiten Menschen, die einen großen Teil der Show nur auf Monitoren verfolgen, während über ihnen Kevin, Gonzo, Pe und Stephan im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen.
Eine solche Bühne entsteht nicht durch ein paar gute Ideen und eine PowerPoint-Präsentation. Sie entsteht, weil jedes Gewerk weiß, was zu tun ist. Weil die Menschen einander vertrauen. Weil sie improvisieren können, wenn etwas nicht nach Plan läuft, und weil zwölf Jahre gemeinsamer Erfahrung dafür sorgen, dass nicht wegen jeder Kleinigkeit ein Krisenstab einberufen werden muss. Dass diese Tour in dieser Form stattfinden konnte, ist die Leistung einer Mannschaft.
Ossy bringt den scheinbaren Widerspruch zwischen all dem technischen Aufwand und dem Wesentlichen später auf einen einfachen Punkt: „Die Onkelz haben nicht vergessen, wo sie herkommen. Sie können von einer riesigen Stadionproduktion wieder auf eine kleine Bühne gehen und sich das Publikum neu erspielen. Ich brauche keine fliegenden Untertassen auf der Bühne. Ich brauche Songs. Wenn die Songs stimmen, stimmt auch die Band.“ Diese Aussage fällt ausgerechnet wenige Stunden vor der größten Center-Stage-Show der Onkelz-Geschichte. Und Ossy hat recht.
Ohne Songs ist diese Bühne Stahl. Ohne Band ist das Licht nur Licht. Ohne euch ist ein ausverkauftes Stadion lediglich ein sehr großes Gebäude mit bemerkenswert vielen Sitzplätzen.
Oli sagt, dass so viele Menschen wie an diesem Abend noch nie ein Konzert in der Veltins-Arena besucht hätten. Möglich wird diese Kapazität durch die Rundbühne selbst, weil das Stadion in alle Richtungen geöffnet werden kann. Aber er sagt auch noch etwas anderes. Etwas wichtiges. „Die Onkelz sind eine der loyalsten Bands der Welt. Punkt.“
Später sitze ich mit meiner Frau und Marco an einem hervorragenden Platz. Wir haben einen sehr guten Blick auf die Center Stage und auf ein Stadion, das sich von dort oben in seiner ganzen Dimension erfassen lässt. Als die Dunkelheit über Gelsenkirchen hereinbricht, beginnt die Lichtproduktion ihre ganze Wirkung zu entfalten. Was am Tag bereits gigantisch aussieht, verändert sich mit jeder Minute. Die Bühne, die Türme und das Stadion werden zu einem gemeinsamen Bild. Lichtkegel schneiden durch die Arena, Farben wandern über die Ränge und die vier Musiker im Zentrum werden für jeden Winkel sichtbar. Was Jerry Appelt und Team hier wieder abgeliefert haben, ist unglaublich. UNGLAUBLICH.
„Lieber stehend sterben“, „Heilige Lieder“, „Finde die Wahrheit“, „Gehasst, verdammt, vergöttert“. Und wieder funktioniert diese besondere Beziehung zwischen Band und Publikum in alle Richtungen. Die Bühne besitzt keine klassische Vorder- und Rückseite. Jeder Musiker muss sich bewegen, drehen, seine Position verändern und immer wieder einen anderen Teil des Stadions ansprechen. Besonders Gonzo. Stephan erwähnte es bereits anerkennend im Interview, das wir eine gute Stunde vor der Show mit der Band für die Rubrik „Ihr fragt – wir antworten“ führten. Wie Matthias Röhr über die Bühne fegt und dabei mit einer Virtuosität die Saiten seiner Gitarre(n) bespielt, dass sich fast alles on point anhört, ist unwirklich.
Und Vinny? Der Mann ist noch keine 30 Jahre alt, seit 2019 fester Bestandteil der Konzerte und singt jedes Lied so textsicher mit, dass er jedem Onkelz-Fan in der Arena in puncto Leidenschaft Konkurrenz macht. Man sieht Stephan an, dass er (genau wie alle anderen Onkelz) demütig ist, dass er mit dieser Band diese spektakulären Shows erleben darf. Ich wiederhole ihn: „Ist das hier echt oder träume ich? Wenn ich das nicht träume, dann lasst es uns hören!” Und der Kessel brodelt, kocht und brennt im Laufe des Abends im Pyro-Feuer. Nach 46 Jahren Bandgeschichte noch einmal ein völlig neues Bühnenkonzept zu wagen, ist nicht selbstverständlich. Man könnte es sich leichter machen. Die Onkelz haben sich für die andere Variante entschieden.
Kevin ist während der gesamten Show stimmlich in beeindruckender Form. Kraftvoll, sicher und emotional. Besonders deutlich wird das bei „Der Platz neben mir“. Und hier schließt sich ein Kreis, den ich während „Kirche“ in Oberhausen noch nicht bewusst gesehen habe. Mein Vater, der 1997 in mein Kinderzimmer kam und diese Musik am liebsten aus meinem Leben verbannt hätte, starb an Heiligabend 2021. Unser Verhältnis war kompliziert. Da waren Wut, Verletzungen und viele Dinge, über die wir viel zu spät oder überhaupt nicht gesprochen haben. Aber da war auch Liebe.
Der Tod sortiert solche Beziehungen nicht nachträglich. Er löst die Widersprüche nicht auf und verwandelt eine schwierige gemeinsame Geschichte nicht plötzlich in eine einfache. Man vermisst einen Menschen nicht nur für die guten Momente. „Man kann nicht vermissen, was man nicht gekannt hat“, heißt es. Ich glaube, dass das Quatsch ist. Mein Vater hätte die Show auf Schalke 2018 geliebt. Er konnte sie damals schon nicht mehr sehen, weil er da schon zu unsicher für 65.000 Menschen gewesen wäre. Sein Hass auf die Onkelz wich im Laufe der Zeit der Gewissheit, dass sein Sohn bei diesen vier Männern einen sicheren Hafen gefunden hatte. Er mochte die Band zum Ende seines Lebens. Nun, fast fünf Jahre nach Harald Diels Beerdigung, sitze ich neben Manuela, meiner Frau und Dads Schwiegertochter, und höre Kevin „Der Platz neben mir“ singen. Das Licht, das bei diesem Song die Arena illuminiert, die Beamer, die Pyro. Unbeschreiblich.
Kevin Richard Russell singt das wunderschöne Stück von 1998 mit einer Emotionalität und Ehrlichkeit, die es mir schwerfallen lassen, die Contenance zu wahren. Auch, weil ich weiß, dass meine schwer krebskranke Ma ebenfalls irgendwann einen Platz neben mir zurücklassen wird. 1996 war mein Vater damals der Mann, gegen den ich rebellierte. Bei „Der Platz neben mir“ ist er der Mensch, der mir am meisten fehlt. Sein Grabstein ziert der Spruch „Ich hänge den Himmel voll Rosen“. „Memento Mori“ – Erinnere dich daran, dass du sterblich bist.
So viel kann zwischen zwei Liedern liegen. Ein ganzes Leben.
Die richtigen Worte für das, was ihr bei Mexico abgezogen habt, zu schreiben, fällt schwer. Überall brennen Bengalos. Mehr als bei jeder anderen Show dieser Tour. Das Stadion leuchtet, raucht und wirkt für einige Minuten wie ein okkult-magischer Ort, in dem sich all das entlädt, was sich über die vergangenen Wochen bei 70.000 Fans an Spannung, Vorfreude und Leben aufgebaut hat.
Wenn mir früher jemand gesagt hätte, ich würde eines Tages eine solche Szene aus einer Loge auf Schalke betrachten, während unter mir die Band spielt, für die ich arbeite, hätte ich vermutlich gefragt, was derjenige geraucht hat. Oder ob er einen meiner erfundenen Newstexte der Jahre 2006 bis 2013 gelesen hat.
Nach der Show ist die Tour vorbei. Zumindest diese Tour. Die Bühne wird verschwinden, die Technik abgebaut und das gesamte Material weitertransportiert oder eingelagert. Menschen, die über Wochen eng miteinander gearbeitet, gegessen, gelacht, geschwitzt und Probleme gelöst haben, fahren nach Hause. Und wenn die letzten Zuschauer längst auf dem Heimweg sind, werden Kabel eingerollt, Traversen gelöst, Instrumente verpackt und tonnenschwere Teile wieder in Cases und Trucks verstaut.
Deshalb gilt unser Dank an dieser Stelle allen Menschen, die „Mitten Unter Euch“ gebaut, beleuchtet, beschallt, bewegt, bewacht, organisiert und am Leben gehalten haben. Ihr habt aus Plänen Wirklichkeit gemacht.
Was also ist Wirklichkeit?
Vielleicht ist sie nicht immer das Gegenteil von Fantasie. Vielleicht ist Fantasie manchmal ihr erster Entwurf. Eine Skizze, die man anfertigt, lange bevor irgendjemand weiß, ob das nötige Material existiert, um daraus etwas Echtes zu bauen.
Mein Großvater errichtete aus den Resten der Zeche ein Haus.
Ich baute mir aus ein paar Träumen und fiktiven Texten eine Zukunft, an die ich selbst nicht mehr glaubte.
Die Crew baute aus Stahl, Kabeln, Licht, Erfahrung und Vertrauen eine Bühne mitten in ein Stadion.
Und die Onkelz und ihr habt daraus etwas gemacht, das nach der letzten Note nicht einfach verschwindet.
Ossy antwortete auf meine letzte Frage im Interview, er wünsche sich, dass die Onkelz noch viele Jahre auf Tour gehen. Ich halte das für einen hervorragenden Wunsch.
Wer weiß, was bis dahin noch alles Wirklichkeit wird.
Danke, Oberhausen.
Danke, Schalke.
Danke an die Onkelz und die gesamte Crew.
Danke für „Mitten Unter Euch“.
Bericht // Dennis Diel
Fotos // Christian Thiele, Tobias Stark, Moritz Mumpi Künster Fotograf









































































